Vom Sinus-Institut haben Westdeutsche schon in den 70er Jahren erfahren, dass es viele Millionen “beleidigte Deutsche” mit einem “geschlossenen rechtsradikalen Weltbild” gab. Was wir gegenwärtig erleben, ist also keine neue Entwicklung, sondern ein Phänomen mit tiefsitzenden Wurzeln sozialer Erinnerung und Vererbung, das heute nur mehr zutage tritt als damals.
Damals hatten Rechtsradikale noch Schiss identifiziert zu werden, hielten die Klappe und wählten CDU, weil nichts anderes im Angebot war. Auch damals, in der Apo-Zeit der 68er, erzielte die NPD bei einzelnen Landtagswahlen schon Ergebnisse nah an 10%. Das Neue jetzt ist, dass die weltzugewandten Menschen zu belastet sind, durch Flüchtlingsbetreuung z.B., und sich von der veröffentlichten Meinung in die Defensive gedrängt und nicht gewürdigt fühlen, während die Rechtsradikalen sich ermutigt fühlen und öffentlich die Sau rauslassen.
Wie die AfD so groß geworden ist, wie sie derzeit ist, analysiert hier einleuchtend Pascal Beucker.
Junge Europäer*innen, die sich bekanntlich immer weniger um traditionelle Medien scheren, haben aber eine vergleichsweise vernünftige und realistische Weltsicht. Das zeigen die Daten, die das gleiche Sinus-Institut jetzt als Zwischenbericht einer noch laufenden europaweiten Untersuchung veröffentlicht hat.
Ich vermute, die Bundeskanzlerin kriegt sowas mit, ihre aktuelle Politikperformance deutet darauf hin. Aber wie viele in der Nervösen Zone Berlin lesen und verstehen das?

Über Martin Böttger:

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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