Beueler-Extradienst

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Frankensteins Monster schlägt zurück

Krieg zwischen den afghanischen und pakistanischen Taliban und Pakistan

In den 80-er Jahren besuchte der US-amerikanische Botschafter in Islamabad Arnold Raphel mit seiner Gattin mal wieder eine Party von Pakistans damaligem Armee-Diktator Mohammed Zia-ul-Haq. Der hatte ein paar Jahre vorher die demokratische gewählte Führung des Landes gestürzt, deren gewählten Premierminister Zulfikar Ali Buttho hängen lassen und die Sharia eingeführt. Während des heiteren Empfangs soll sich dann Frau Raphel überschwänglich beim Diktator für das zarteste Kalbfleisch bedankt haben, dass sie jemals gegessen habe. Darauf soll der Diktator im scharmanten Tonfall geantwortet haben: „Aber Madam, das haben wir doch extra für sie frisch aus dem lebendigen Mutterleib herausgeschnitten.“ Tadeln sie nicht mich. Es war der pakistanische Schriftsteller Mohammed Hanif der 2008 in seinem grandiosen Buch „A Case of Exploding Mangoes“ der Nachwelt diese Anekdote aufgewärmt erneut auftischte .

Bei so viel ungeschminkter Wahrheit soll sich Frau Raphel dann sofort spontan übergeben haben. Der Dame sollte es etwas später noch eine viele heftigere Wahrheit übermittelt werden, denn ihr Mann saß im gleichen Flugzeug wie ihr „charmanter“ Gastgeber Zia, als es am 17 August 1988 abstürzte.  Weder das FBI noch die CIA nahmen Ermittlungen auf. Ein Bericht der Airforce, der ein technische Unfallursache ausschloss, wurde nicht veröffentlicht.

Warum auch, denn das Zia-Pakistan hatte seine Schuldigkeit getan: Die Sowjetarmee hatte schon im Mai 1988 demoralisiert ihren Rückzug aus Afghanistan begonnen und die USA hatten ihre Rache für Vietnam bekommen, wie es später Zbigniew Brzezinski in einem Interview ausdrückte, der ehemalige Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter.

Was aus den “Freiheitskämpfern” wurde

Der Rest ist dank Politikwissenschaftler wie Christophe Jaffrelot, Journalist wie  Ahmed Rashid und Wikileaks genauestens dokumentiert: Aus den in den westlichen Medien gefeierten afghanischen und arabischen Freiheitskämpfern wurden später die Taliban und Al-Quaida. Einen anderen Teil der Islamisten schickten die pakistanischen Geheimdienste in den von Indien regierten Teil von Kaschmir, um dort den Jihad zu leben. 

Die USA wurden erst am 11. September 2001 heftig daran erinnert, was aus ihren ehemaligen Freiheitskämpfern geworden ist. So ließen die USA das demokratische Indien von heute auf Morgen fallen, das sie eigentlich als neuen Partner in Südasien auserkoren hatten und machten wieder einen pakistanischen Diktator-General zum Partner: Pervez Musharraf. Der hatte sich 1999 an die Macht geputscht und den demokratisch gewählten Präsidenten Nawar Shariff ins Gefängnis stecken lassen.

Doch von nun an wurden die Dinge nicht nur für Diktator Musharraf kompliziert, und sollten es bis zum heutigen Tag bleiben: Da viele Islamisten im Land nicht verstehen konnten, dass sich ihr muslimisches Pakistan mit den USA gegen die Brüder in Afghanistan verbündete, entstanden 2007 die pakistanischen Taliban (TTP)  Deren Feind war ab jetzt die eigene Regierung und so wurde das eigene Land mit Bombenanschlägen überzogen. Auf Musharraf wurden schon vorher drei Anschläge verübt.

Füsse stillhalten gegen Terrorismus

 Der Diktator muss sich völlig missverstanden und ungerecht behandelt gefühlt haben, denn wie wir heute dank der oben genannten Politikwissenschaftler und Wikileaks wissen, waren es Musharrafs Militärs und sein Geheimdienst ISI die den geschlagenen Taliban in Afghanistan geholfen hatten nach Pakistan zu entkommen. Dort wurden sie aufgepäppelt und ab 2004 wieder zurück nach Afghanistan geschickt, im Kampf gegen die Nato-Truppen. Nebenbei arbeitete der Militärgeheimdienst ISI weiter mit Islamisten Hand in Hand um Indien 2008 seinen 26. September zu bereiten. Die CIA machte Mitschnitte von Telefongesprächen zwischen dem ISI und den Mumbai-Attentätern, die mehr als 170 Menschen töteten. Da die USA jedoch die Pakistaner weiter für ihren „Kampf gegen den Terror“ brauchten, musste Indien in seinem Kampf gegen den Terror die Füße stillhalten.

Als am 29. Juni 2021 die letzten Nato-Truppen Afghanistan verließen, wähnten sich die pakistanischen Generäle an ihrem Ziel: Das von ihnen mitgestaltete Monster Taliban hatte nun wieder wie 1996 die Macht in Afghanistan übernommen.

Doch am 27.2 erklärte Pakistans Verteidigungsminister Mohammad Asif den Taliban den offenen den Krieg und das für jeden interessierten Beobachter wenig überraschend. Schon 1996 erwies sich das erschaffene Monster Taliban als ziemlich eigenwillig gegenüber seinen pakistanischen Herren. Das Warum beschreibt der Kollege Thomas Ruttig in der Taz:

Der eigentliche Zankapfel zwischen beiden Staaten ist ihre Grenze, die sogenannte Durand-Linie. Keine Regierung in Kabul hat sie jemals anerkannt, denn sie geht auf die britische Kolonisierung Indiens zurück, dem bis ins 19. Jahrhundert hinein zu Afghanistan gehörende, überwiegend von Paschtunen bewohnte Gebiete angegliedert wurden. Sie bilden heute Pakistans Provinz Khyber-Pachtunkhwa. Ab 1947 unterstützte Kabul dort Rebellen, die einen Wiederanschluss an Afghanistan betrieben.

Auch der Rest des Artikels von Ruttig über die aktuellen Kampfhandlungen zwischen Pakistan und den Taliban ist lesenswert, weil er sich regelmäßig mit diesem Teil der Erde beschäftigt.

Offener Krieg

Zudem wirft Pakistan den Taliban vor, den pakistanischen Taliban Unterschlupf zu gewähren, von wo diese ihre Anschläge in Pakistan vorbereiten. Die Vorwürfe stimmen.  Ebenso ist stark anzunehmen, dass der indische Geheimdienst die Taliban, die pakistanischen Taliban und die Rebellen im pakistanischen Belutschistan unterstützt, nachdem Motto, der Feind des Feindes ist mein Freund.

Wenig überraschend sprach Donald Trump Pakistan seine Unterstützung im aktuellen Krieg mit Afghanistan zu. Schon am 18.Juni 2025 empfing Donald Trump den pakistanischen General Asim Munir in Washington. Drei Tage später griffen 125 US-amerikanische Kampfflugzeuge drei Atomanlagen des Iran an. Pakistan ist die einzige islamische Atommacht der Erde. Aber vielleicht wollte Trump sich gar nicht beim pakistanischen General absichern, dass dieses Mal sein Land die Füße stillhält, wenn die USA ein anderes islamisches Land angreifen. Vielleicht wollte er nur das neuste Rezept für Chicken Karahi, ganz in der Tradition der Zia-Küche. Jedenfalls zeigte sich die Trump-Regierung erkenntlich: Als Belohnung gab es neue F-16 Kampfjets für den pakistanischen General.

Dass Peking nicht ganz doof ist, obwohl es bisher 60 Milliarden US-Dollar in Seidenstraße-Pläne in Pakistan gesteckt hat,  behalten sie bitte im Hinterkopf, wenn sie in den nächsten Monaten wieder auf Geospielchen-Artikel treffen sollten, in denen Pakistan vorkommt.

Die pakistanische Armee ist den Taliban an Waffentechnik zwar haushoch überlegen, trotzdem dürften die Generäle ein starkes Interesse haben, bald ein Vermittlungs-Angebot aus Katar oder Peking zu einem Waffenstillstand mit den Taliban anzunehmen. Pakistans Wirtschaft hängt weiter am Tropf des IWF,  der Masse der Menschen dort geht es noch dreckiger und diese Bevölkerung soll von jetzt 241 Millionen bis auf 330 Millionen im Jahr 2048 anwachsen : Laut einer Umfrage würden 40 Prozent der Pakistaner das Land verlassen, wenn sie könnten. Dazu zählen die Weltgesundheitsorganisation und UNICEF Pakistan schon heute zu den 7 Ländern der Erde mit den größten Wasserproblemen .

Nur durch Wahlfälschungen an der Macht

 Obendrauf konnte die aktuelle demokratische Feigenblatt Regierung nur noch mit Hilfe von Wahlfälschungen an die Macht gebracht werden: Seit 1989 reichte es bei Wahlen aus, ein Schaulaufen zwischen den beiden Familienparteien der Sharif- und Bhutto-Familien abzuhalten. Nun bilden die Parteien PML-N und die PPP der beiden ehemals verfeindeten Politik-Familien eine Regierungskoalition und der eigentlich beliebteste Politiker des Landes Imran Khan sitz weiterhin im Gefängnis. Die eigentliche Macht bleibt das Militär.

Doch die vorwiegend junge Bevölkerung Pakistans hat das Spiel durchschaut. Im Netz machen sie sich regelmäßig über die eigenen politischen Verantwortlichen lustig .  Genau: Gerade unter den jungen Generationen die mit dem Internet aufwachsen, gibt es nicht mehr den typischen Pakistaner, den Inder, den Westler. So gut wie alle Länder müssen nun ausbaden, dass ihre Eliten ein dreckiges Spiel mit Monstern gespielt haben und immer noch spielen: Erst mit dem Aufstieg Saudi-Arabiens begann sich der Wahabismus  in der islamischen Welt rasant zu verbreiten.

 Ob die Taliban, der IS, Al Quaida, Salafisten, Deobandis oder die meisten islamistischen Selbstmordattentäter in Europa: Sie alle berufen sich auf eine ähnliche orthodoxe Islamauslegung, die ihre Wurzeln im intoleranten Wahabismus hat. Als Belohnung bekommt Saudi Arabien nun auch noch die Fussball-Weltmeisterschaft.

Menschen sind Produktionsmittelmasse

 Die Trumps, Modis und Höckes sind ebenfalls Produkte dieser „Spiele“, in deren Folge die finanzielle Ungleichheit steigt und steigt. Ein Merz ist ein kleiner Vertreter dieser Spielgemeinschaft, für die die Masse der Bevölkerung nichts anderes zu sein scheint, als gesichtslose Produktionsmittelmasse: Ein paar Gespräche mit Ärztin und Psychologen in Deutschland könnten Merz und Co. erklären, warum immer mehr Arbeitnehmer krank werden. 

Doch ebenso haben viele Bürger der Mittelklassen der Erde ihren Anteil, weil sie bestimmte Wahrheiten nicht hören wollen. Sei es wie und wo ihre Kleidung hergestellt wird. Wo ihr Benzin herkommt, oder mit welchem Dreck ihr sehr gut bezahlter Job finanziert wird – da unterscheidet sich die eher kleine indische Mittelklasse nicht von der in der westlichen Welt.

Protest, Widerstand und funktionierende Justiz

Aber: Vorgestern sind auch 40 Kilometer von Rishikesh entfernt in Dera Dhun erneut die Bürger auf die Straße gegangen , um gegen das Abholzen von noch mehr Bäumen in ihrer Stadt zu demonstrieren.  Nachdem selbst in der saubersten Stadt Indiens tausende Menschen an verdreckten Trinkwasser erkrankten, und mindestens 33 starben,  geht immer mehr Menschen in Indien auf, dass sie vom angeblichen Wachstum in Indien nur vergiftetes Wasser, Luft und Lärmterror abbekommen.

Auch die indische Justiz funktioniert noch: Letzte Woche sprach ein Gericht in Delhi den ehemaligen Chief Minister Arvind Kejriwal von Dehli frei von allen Anklagen im Fall eines angeblichen Korruptionsskandals. Kurz vor den Delhi-Wahlen im Jahr 2025 wurde Arvind Kejriwal verhaftet, er galt als einflussreichster Kritiker von Premierminister Modi. Politische Beobachter sprachen von einer politisch motivierten Festnahme. Das bestätigte nun auch das Gericht in Delhi .

Halten Sie also durch. Seien Sie weiter nett zu ihren Freunden – wenn sie welche haben, macht das eher immun, sich für mehr Geld als Sie eigentlich brauchen kaufen zu lassen, oder für scheinheilige Anerkennung von Menschen, die eh an nichts mehr glauben, außer an das was sie glauben wollen: Zum Beispiel an besonders zartes Kalbfleisch, “artgerecht produziert“. 

Über Gilbert Kolonko:

Avatar-FotoGilbert Kolonko reist seit über 25 Jahren durch Indien, Pakistan, Nepal und Bangladesch. Er hat ein Buch über den Bürgerkrieg in Nepal geschrieben und eines über Pakistan. Dazu Artikel und Reportagen über den Subkontinent für deutsch- und englischsprachige Medien.

3 Kommentare

  1. Avatar-Foto
    Papamobil

    Man nennt das wohl ‚ engagierten Journalismus‘ – für mich ist das emotionales Geschreibe anstelle von sachlicher Berichterstattung.

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      Martin Böttger

      Lesen ist freiwillig. “Sachliche Berichterstattung” über Krieg und Massenmord – schwer vorstellbar für mich.

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      GILBERT Kolonko

      Ach Papamobil. Einen Kommentar mit “Man” beginnen und dann eine Behauptung hinter herschieben . Mich erinnert das an AFD. Ist aber auch nur meine Meinung und sie haben die ihre.
      Kritik ist wichtig, sie kann eine bereichernde Diskussion starten, aber es gibt leider keinen Ansatz in ihrem Kommentar, auf den ich wirklich antworten kann.
      Und weil auch solche Kommentare wie ihre die nächsten Jahre zunehmen werden, dazu viel schlimmeres, habe ich am Ende des Artikels dazu aufgerufen, den Kopf nicht hängen zu lassen. Das meinten sie dann vielleicht mit Gefühlsduselei – ist halt leider nur eine Vermutung, so wie sie sich ausdrücken. Deswegen gibt es halt Stimmen die sagen: Mit Rechten kann nicht diskutiert werden.
      Nein, ich behaupte nicht, dass sie ein Rechter sind, ich versuche es sogar mit Beispielen, dass sie meine Zeilen verstehen.

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