Im Aldi-Sonderangebot: Ideologie

Von , am Montag, 19. September 2016, in Genuss, Politik.

Vor kurzem wies ich an dieser Stelle auf die Ideologiepoduktion durch prominente Fußballtrainer hin. Zu ihnen hat sich jetzt auch Aldi gesellt. Es lügt nicht nur, es produziert auch Ideologie. Und lässt wesentliche Bestandteile der Wirklichkeit mutwillig weg.

Stellen Sie sich als Stimme in diesem Werbespot mal keine süsse Kinderstimme, sondern den frisch geschiedenen Gerhard Schröder (nee, der ist zu teuer, nehmen wir Elmar Brandt von den WDR-Mitternachtsspitzen) vor, mit dem gleichen Text. Das Kind in diesem Spot ist nicht echt. Es spricht einen Erwachsenen-Text, und zwar einen, der beschreibt, wie Erwachsene die Kinder gerne hätten. Dass das Kind “keine E-Mails” schreibt liegt daran, dass es längst Techniken nutzt, die die Eltern nicht kennen. E-Mails schreiben Leute meines Alters (59), sind oft genug genervt davon und daher von diesem Spot ideal angesprochen. Denn die Erwachsenen haben in Privathaushalten als ihr letztes Reservat noch die Herrschaft über den Etat.
Und den will Aldi haben.
Das Lob der Einfachheit ist im Zusammenhang mit Aldi besonders makaber, wenn man weiss, aber das wissen nur die wenigen Leser*innen der Wirtschaftspresse, dass die Aldi-Erbengemeinschaften Prozesse um die Eigentümerverhältnisse gegeneinander führen, bei denen der Lebensstil der Gegenseite öffentlich angegriffen wird. Die alten Milliardärsbrüder Albrecht hatten immer Wert darauf gelegt, ihren unermesslichen Reichtum nicht in der Öffentlichkeit sichtbar werden zu lassen, wie gute Deutsche ihrer Generation das so gehalten haben. Grausamkeiten ja, aber bei geschlossener Haustür, nicht sichtbar. Die Zeiten sind vorbei, heute geniert sich keiner mehr.
Der Aldikonzern hat aktuell ein Strategieproblem: die Billigkundschaft unten ist alle, kein Wachstum mehr. Lidl hat das auch schon gemerkt. Image ist schlecht, Distinktion gibts woanders. Die fetten Renditen machen Konkurrenten mit kaufkräftigeren bürgerlichen Zielgruppen weiter oben. Darum werden jetzt neue, schickere Aldi-Filialen gebaut. Eine werden wir in Kürze ins Beueler Brückenforum bekommen. Und für genau diese Zielgruppenstrategie wurde dieser Spot gemacht. Auch dieser Text hier wird von der Werbeagentur als Erfolg gebucht werden.

Die heutige Grausamkeit von Aldi ist etwas, was diesen Konzern nicht von Lidl, Rewe und Edeka unterscheidet: die Handelsmacht, also der Kapitalismus. Diese Konzerne bestimmen nicht nur ökonomische Verhältnisse, sondern darüber auch das, was bei uns noch auf den Teller kommt. Sie können jedem Lebensmittelproduzenten, ob das Aromafabriken oder Landwirte sind, seine Moral abkaufen, einfach weil sie stärker sind. Und das tun sie bis zum Exzess. Das heisst z.B. dass der Wein bei Aldi durchaus exzellente Produkt- und Geschmacksqualität haben kann. Entscheidend aber ist, dass es viel von ihm gibt. Und dass er von gleichbleibender Qualität/Geschmack bleibt. Nur über die große Masse ist dann der niedrige Preis herstellbar. Alles, was das nicht sichert, kommt nicht ins Regal. Und wir kommen, weil wir es nicht kennen, nicht auf die Idee, danach zu verlangen.
Für den Erzeuger ist ein Aldi-Auftrag also finanziell so ähnlich wie ein Lottogewinn, zu dem Preis, dass er seine Erzeugersouveränität aufgibt. Und aufgrund der damit einhergehenden Marktmacht die Produktvielfalt (Pflanzen, Tiere etc.) kontinuierlich, und eines Tages für das Ökosystem lebensgefährlich, sinkt.
Das ist die Seuche von Aldi, Rewe, Edeka, Lidl.

Was hier noch gar nicht behandelt ist, ist unsere Geringschätzung von Arbeit. Wir sind als KonsumentInnen gierig nach Preisgünstigkeit. OK, da wo ich aufgewachsen bin, spielte Geld eine Rolle, weil es immer begrenzt vorhanden war. Aber was sind uns die sichtbaren und verborgenen Dienstleister*innen wert? Aldipreise? Die zwei Erbengemeinschaften zu Milliardären machen, und viele ihrer Beschäftigten zu Prekariat?

Stoff für weitere kreative Ideologie-Werbespots.

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