Altersstarrsinn ist keine Frage des Alters. Oskar Lafontaine und Albrecht Müller haben historische Verdienste um unsere Republik. Aber gemeinsam mit jüngeren Freund*inn*en könnten sie es schaffen, die Restbestände gesellschaftlicher und politischer Linker an ihrem Lebensabend um Jahrzehnte zurückzuwerfen. In ihrem Glauben an das rechthabende Argument blenden sie jegliche materialistische Analyse aus und verzichten zugunsten primitivster mechanistischer Analyse vollständig auf strategisches Prozessdenken. Stattdessen ziehen sie eine Furche der Zerstörung durch den öffentlichen politischen Diskurs, unter jauchzendem Jubel jener Medien, die sie verbal eigentlich zu bekämpfen vorgeben.

Wenn es Angestellte waren, die Sahra Wagenknecht geraten haben, an einem FAS-Gespräch mit Frau Petry teilzunehmen, gehören sie entlassen. Sie haben offensichtlich diese Zeitung seit Jahren nicht gelesen. Sonst wüssten sie, welche Inszenierung die Zeitung wünscht, um ihr eigenes Weltbild, dass Links und Rechts gleichermassen die “marktkonforme Demokratie” gefährden, zu bestätigen. Dass Wagenknecht auf ihrer Homepage den gleichen Wortlaut in optisch völlig anderer Aufmachung dokumentiert, dokumentiert in gleicher Weise, wie sie über ihre eigene Eitelkeit des Arguments stolpert und von der Inszenierung der FAS nichts wissen will. Sie ist aber da. Sie geht nicht weg. Wagenknecht hat daran mitgewirkt, und will jetzt unschuldig daran sein.

Schuld sind dagegen die Feinde drumherum. Nein, keine Rechtskräfte. Sondern die Intrigant*inn*en in der eigenen Partei, gerne die Vorsitzende Kipping, und “kriegstreibende” Medien wie die taz. Wenn Kipping, oder eine faktensicher den aktuellen Kapitalismus kritisierende taz-Redakteurin Ulrike Herrmann schon zu den “Feinden” gehören, was will mann als Wagenknecht-Verteidiger in dieser Republik dann eigentlich noch erreichen, ausser Rechthaben? Mit Facebook hat Lafontaine das für ihn ideale Medium gefunden. Es ist super geeignet für jede Schulhofrauferei (“taz und Grüne sind neoliberal und befürworten Kriege und Sozialabbau”), für jedes “Wir gegen Die”, für den Verzicht auf die Suche nach Gemeinsamkeiten und kompromissfähigen Diskurs. Wie verarscht und missachtet müssen sich jene Taz-Redakteur*inn*e*n und Grünen-Mitglieder vorkommen, die gegen Kriege und Sozialabbau sind – ich kenne nicht wenige von ihnen persönlich.

Oskar will es nicht verstehen. Er hat jahrelang zusammen mit Gauweiler (CSU) als BILD-Kolumnist fungiert. Die Zeitung hat sich dafür auf die Schenkel geklopft, während Lafontaine glaubte, mit der Kraft seiner Argumente die Hirne der Proletarier zu erreichen. Wenn er das tatsächlich geschafft hätte, warum war es dann nötig, das Asylgrundrecht in den 90ern im Grundgesetz zu demontieren, warum konnte auf das “Fremdarbeiter”-Klischee nicht verzichtet werden, warum wird heute AfD-Sprache adaptiert statt bekämpft? Es geht nicht nur um Inhalt. Inhalt und Form müssen stimmig sein. Wenn sie das nicht sind, wie aktuell bei Wagenknecht und Lafontaine, dann bestimmen Bilder den bleibenden Eindruck. Bilder, wie sie Sonntag die FAS gedruckt hat.
Die Aufregung der Wagenknecht-Feinde in der Linkspartei rührt daher, dass die zu wissen glauben, dass das Ehepaar nicht zu dumm ist, das zu kapieren. Ganz im Gegenteil.

Wer sich in selbsterfüllender Paranoia so von Feind*inn*en umstellt sieht, wie will der/sie noch bündnisfähig gegen Rechts (oder für oder gegen nur irgendetwas Anderes) sein?

Könnte sein, dass Oskar Lafontaine noch die Junge Welt liest, jedenfalls ist die nicht “neoliberal”. Da steht heute dieses schöne Gedicht von Wiglaf Droste.