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Fett feiern – aber slow

Gestern wurde ich von einer sehr großzügigen Freundin mal wieder ins Bistro Mademoiselle ausgeführt. Alle kulinarischen Sünden waren vorrätig, frisch aus regionaler Produktion, soweit erforderlich auf das vorzüglichste zubereitet, an Fett von einst glücklichen Tieren und Alkohol, zum Teil selbst zubereitet (frischeste Früchte gebadet in Hochprozentigem), sowie Zucker in den “Guglhupf-Variationen”, an nichts haben wir gespart.
Das war für mich Anlass, mich heute endlich in das aktuelle Slowfood-Magazin mit dem Schwerpunktthema “FETT” zu vertiefen. Ich will es mal so zusammenfassen: ich hatte wissenschaftlich nachweisbar einen Vorabend, der Anlass sein sollte, meine Krankenkassenbeiträge ermässigt zu bekommen. Die weit verbreiteten Fettvermeidungsstrategien sind gesundheitlich schwachsinnig, und weil sie genussfeindlich sind, sind sie auch menschenfeindlich. Gut sind sie für eine riesige um sie herum entstandene Branche, nicht zuletzt die eher der Kirmes-Wahrsagerei ähnelnde “Ernährungsberatung”. Wer sich den Spass von denen verderben lässt, ist selber schuld.

Wenn wir diese Umerziehungssysteme des Turbokapitalismus weiter bekämpfen und uns selbst gleichzeitig was Gutes tun wollen, sollten wir die Subversivität des Flanierens in der Stadt wiederentdecken. Vor dem Essen und Trinken, oder nachher, oder beides. Bremsen wir die Hetzer*innen von A nach B aus. Dieses Flanieren entstand im 19. Jahrhundert, als beabsichtigte Demonstration der Reichen, die allen zeigen wollten, dass sie über das Luxusgut Zeit frei verfügten. Einzelne sollen zu diesem Zweck sogar Schildkröten an der Leine ausgeführt haben. Muss ein herrliches Bild gewesen sein. Der Turbokapitalismus von heute würde durch massenhaftes Ausüben dieser Tätigkeit ernsthaft gefährdet. Stellen sie sich die Massen nutzlos im Weg rumstehender Arbeitsloser vor, wie z.B. dieser lesens- oder hörenswerte Essay über das Radfahren von morgen fantasiert, also quasi ein “Kölner Ring” nicht mit Autos, sondern mit Menschen, mitten in Beuel, auf dem Rheindeich oder der Kennedybrücke, wo solche Zustände jetzt schon zu beobachten sind. Rumstehen sabotiert den Verkehrsfluss und gefährdet die Produktivität. So welche müssen dann in Zukunft draußenbleiben. Vielleicht ist uns das dann auch lieber.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net

Ein Kommentar

  1. Amina

    Es war mir ein großes Vergnügen, auch das Flanieren durch Beuel, danke!

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