von Michael Kleff (z.Z. New York)

Man dürfe von Trump nicht das Schlechteste erwarten, sondern müsse hoffen, dass die Administration ihren Job mache. Mit diesen Worten wollte der scheidende US-Präsident Obama die angesichts von Trumps Wahl nervös gewordene Weltgemeinschaft wohl beruhigen. Man muss sich allerdings fragen, welche Droge Obama genommen hat, um zu so einer verharmlosenden Einschätzung der künftigen Politik der USA zu kommen, die einmal als Trump-Faschismus in die Geschichtsbücher eingehen wird. Hält sich der künftige Chefstratege des Weißen Hauses, Stephen Bannon, doch ganz an die Strategie des Bösen im Kultfilm Krieg der Sterne. „Finsternis ist gut“, sagte Bannon und fügte hinzu: „Dick Cheney. Darth Vader. Satan. Das ist Macht.“ Auf Leute wie den früheren Leiter der rechtsradikalen Website Breitbart News setzt Donald Trump. Seine designierte Regierungstruppe besteht aus weißen Nationalisten, Antisemiten, Rassisten, Ku-Klux-Klan-Anhängern, Frauenfeinden sowie homophoben und islamophoben Fanatikern. Und da soll man nicht das Schlechteste erwarten?

Doch ich will nicht abschweifen. Es soll ja um die Musik gehen. Da drängt sich die Frage auf, was Donald Trump und Bob Dylan gemeinsam haben? Nun, beide benehmen sich häufig wie unerzogene Rotzbengel. Nachdem Dylan den diesjährigen Literaturnobelpreis als erster Songschreiber für seine poetischen Neuschöpfungen in der amerikanischen Songtradition zuerkannt bekommen hatte, sorgte er für reichlich Unmut, weil er wochenlang nicht erreichbar war. Ende Oktober versicherte er dann, die Auszeichnung „selbstverständlich“ annehmen und „nach Möglichkeit“ zur Preisverleihung kommen zu wollen. Doch Mitte November sagte er seine Teilnahme bei der Preisverleihung ab. „Andere Verpflichtungen machen das leider unmöglich“, schrieb er. Mal schauen, ob er sich auch vor der traditionellen Rede drücken wird, die jeder Preisträger nach den Regeln innerhalb von sechs Monaten halten muss. Doch auch wenn er das nicht tut, wird das seine zahlreichen Jünger in unserem Land nicht davon abhalten, ihr Idol weiterhin bedingungslos zu verehren. Kritik an der Entscheidung des Nobelkomitees kam interessanterweise vor allem aus der englischsprachigen Welt. Der schottische Schriftsteller Irvine Welsh meinte auf Twitter: „…das ist schlecht durchdachte Nostalgie, herausgequetscht aus der ranzigen Prostata seniler, plappernder Hippies.“ Und der aus Russland stammende, in den USA lebende Kulturjournalist Gary Shteyngart twitterte, er verstehe die Nobeljury sehr gut, es sei schon sehr anstrengend, Bücher zu lesen. Im Windschatten der Ehrung für Bob Dylan wollte der vielleicht zukünftige Bundespräsident, der aktuelle deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier schwimmen. Er bezeichnete Dylan als den „Willy Brandt der Rockmusik“. Habe er uns doch eine Seite der USA gezeigt, „mit der wir uns identifizieren konnten, als auch Bomben über Vietnam abgeworfen wurden“. Steinmeier vergaß dabei jedoch zu erwähnen, dass Brandt den Kriegseinsatz der USA weder als Bundesaußenminister noch als Bundeskanzler kritisierte. Und bevor ich es vergesse: Kann sich eigentlich jemand erinnern, ob sich Bob Dylan angesichts dieser nicht nur für die USA, sondern für die ganze Welt dramatischen politischen Entwicklung damals zu Wort gemeldet hat? Richtig, was schrieb Dylan in seiner 2004 erschienen Autobiografie Chronicles – Volume One: „… die großen Nervensägen in der Presse nannten mich weiterhin die Stimme, den Sprecher oder gar das Bewusstsein einer neuen Generation. Das war verrückt. […] Ich hatte kaum etwas gemeinsam mit dieser Generation, von der ich angeblich die Stimme war, geschweige denn, dass ich viel von ihr wusste.“ So viel dazu.

Ich bin oft dafür kritisiert worden, dass ich im Laufe der Jahre als Folker-Chefredakteur in meinen Editorials regelmäßig den Abbau von Folk-, Lied- und Weltmusiksendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk beklagt habe. Mir wurde dabei – auch von Redakteuren einiger Sender – vorgehalten, ich würde die Programmentwicklung einseitig mit einem nostalgischen Blick zurück beobachten, ohne die vielen positiven Veränderungen wahrzunehmen. Ich lege diesen Kritikern die Lektüre der aktuellen Titelgeschichte wärmstens ans Herz. Auch wenn nicht bei allen Sendern ein systematischer Niedergang des Programms im Bereich der vom Folker präsentierten Musik festzustellen ist, dürfte „Stagnation“ eine sehr höfliche Beschreibung der aktuellen Entwicklung sein. Besonders beunruhigend ist dabei die Vermischung der Farben von Welt, Folk und Lied mit allen anderen Sparten in einem „Fließprogramm“, in dem nichts mehr erklärt wird.

PS: Auf allen Ebenen wird derzeit im Land der Freien und Mutigen darüber debattiert, wie es zur Wahl von Donald Trump kommen konnte. Zu den vielen Gründen gehört sicherlich auch, dass die Demokraten – allen voran deren Kandidatin Hillary Clinton – sich in der jüngsten Vergangenheit zwar in gesellschaftlichen Fragen wie der Homoehe fortschrittlich gegeben haben, aufgrund ihrer eigenen wirtschaftlichen Elitestellung jedoch soziale Gerechtigkeit aus den Augen verloren haben. Die Opfer dieser Politik sind in Scharen zu Trump übergelaufen. Und wenn es nach Stephen Bannon (siehe oben) geht, dann stehen uns – wie er hofft – mindestens fünfzig Jahre seiner „Finsternis“ bevor. Gail Collins legte in einem Kommentar in der New York Times wenige Tage nach der Wahl einen Zehn-Punkte-Plan zur Trump-Trauma-Behandlung vor. Punkt 1: „Beginne mit einer durchzechten Nacht!“ Ich gebe zu, dass ich immer noch nicht bei Punkt 2 bin. Aber ich empfehle auf jeden Fall, die weitere Entwicklung genau zu beobachten. Die Parallelen zu 1933 sind unüberseh- und unüberhörbar. Auf einem Treffen der sogenannten Alternativen Rechten in Washington wurde die Wahl Trumps mit „Sieg-Heil“-Rufen gefeiert. Wir schreiben das Jahr 2016. Und der scheidende US-Präsident Obama beschwichtigt mit den Worten, man dürfe von Trump nicht das Schlechteste erwarten.

Vorabdruck aus Folker, Heft 1/2017

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