Kritik ist eine gute Sache. Wenn sie weiterführend ist, wenn sie geeignet ist Gutes besser zu machen. Eine tragische Sackgasse ist sie, wenn sie von Besserwissen und Bitterkeit erfüllt ist. Zwei Beispiele, bei denen Sie selbst abwägen können.

Jakob Augstein, ein kluger, reicher Mann, der es aber zweifellos als Verleger und Journalist nicht leicht hat und sich im wahren Leben oft wirklich keinen schlanken Fuss macht, setzt sich bewusst von einem der klügsten und besten deutschen Medienjournalisten Stefan Niggemeier frontal ab, und was fast noch dümmer ist, von der Anti-Trump-Demokratiebewegung in den USA. Bei Niggemeier muss man sich daran erinnern, dass der kurze Zeit und bestimmt fürstlich bezahlt beim Spiegel gearbeitet und den im Konflikt und unter öffentlichem Absingen von Meinungsverschiedenheiten nach kurzer Zeit wieder verlassen hat. Details will man da gar nicht wissen. Mit Sicherheit ist er, wie viele exzellente Journalisten, ein “schwieriger Typ”, sonst wäre er wohl nicht so gut. Muss man aber so unspouverän nachtreten wie der gewöhnlich intelligente Augstein? Ist (politische) Solidarität, heute unter Demokrat*inn*en notwendiger denn je, so schwer?

So weit die Hengste. Wobei: viele von denen können später über ihre alten Streits lachend gemeinsam Drogen konsumieren. Viele Frauen gleiche Alters schaffen das nicht. Beim folgenden Beispiel möchte ich mich selbst positionieren: ich teile die Kritik vieler, meist jüngerer Feministinnen an der matriarchalen publizistischen Herrschaftsausübung von Alice Schwarzer, ebenso die Kritik an ihrer eurozentristischen, latent rassistischen politischen Argumentationsführung. Mit großem Interesse, und mich gut unterhalten fühlend las ich dann heute diese lange “Emma”-Würdigung von Bascha Mika, (ehemalige) Chefredakteurin von taz und FR, und kritische Schwarzer-Biografin (vor fast 20 Jahren!). Am Schluss war ich allerdings eher erschüttert über das Ausmass von Bitterkeit, das sie dabei nicht nur über Schwarzer sondern auch über mich als Leser ausgekippt hat. Ich erkannte diese Bitterkeit wieder, weil sie mir bereits bei vielen ihrer (ehemals) politisch aktiven Altersgenossinnen aufgefallen ist. Meine steile These: die meisten dieser Damen haben nicht nur einen Teil von sich in ihr politisches Engagement investiert, wie es aus gesundheitlichen Gründen empfehlenswert ist, sondern ihre ganze Persönlichkeit und ihr ganzes Leben. So war und ist es insbesondere bei linksradikalen Sekten üblich. Das Individuum wird dabei rücksichtslos verbraucht, geht kaputt, wird krank. Und bekommt keinen Dank.
Meine Herren und Damen, das ist nicht die Lösung.
Ich danke meiner liberalen politischen Jugend, die es mich anders gelehrt hat.

Update 31.1.: Tröstlich, ganz rechts oben und ganz rechts unten geht es genauso bissig zu.