Ernst Huberty 90

Von , am Dienstag, 21. Februar 2017, in Fußball, Medien.

Als Moderator und Sportressortchef des WDR erschien er mir immer zu konservativ-reaktionär; als Livereporter ist er für mich dagegen Legende geblieben. Keiner kann ihm bei dieser Arbeit das Wasser reichen. Der WDR widmete ihm am Sonntagabend eine sparsame 30-minütige Würdigung und liess dafür, was er sowieso immer gerne und häufig tut, das kritische Magazin “Sport inside” ausfallen. Für Menschen mit gutem Erinnerungsvermögen offenbarte sie sehr viel mehr Widersprüche, als für oberflächliche Betrachter*innen der Jetztzeit.

Steffen Simon, heutiger WDR-Sportchef, liess es sich nicht nehmen, seinen Vorvorgänger, zwischen ihnen war nach meiner Erinnerung nur Heribert Fassbender, selbst zu interviewen. Während er dem Jubilar mit leuchtenden Augen und getragener Stimme seine Verehrung versicherte, ist Simon doch im positiven wie negativen das komplette Gegenteil von Huberty. Positiv: als Redaktionsleiter ist ihm die Innovation Sport inside wohl wesentlich mitzuverdanken. Als Livereporter dagegen macht er jeden Huberty-Verehrer zum Allergiker.

Die klassischen Huberty-Reportagen, ich habe sie alle auf Video, werden in dem 30-Minüter – zu – kurz angespielt: der BVB-Europapokalerfolg in Glasgow 1966 mit dem legendären Libuda-Tor, das WM-Halbfinale 1970 3:4 n.V. gegen Italien, das Pokalfinale von Mönchengladbach gegen den FC mit dem legendären Netzer-Tor, und seine letzte Ruheständler-Reportage von einem unwichtigen Ligaspiel in Leverkusen für SAT1, bei der er allen Laberern und Schreihälsen noch einmal zeigte, wie es geht. Im WDR-Film wird betont, dass Huberty bis zu seinem 87. Geburtstag rund 50% der aktiven Reporter*innen und Modertor*inn*en gecoacht und/oder ausgebildet habe. Ich frage mich nur, warum die Live-Reporter so wenig bei ihm gelernt haben. Die Kunst der Pause, der Ruhe, des Wirkenlassens der Bilder, beherrschen sie nicht. Am ehesten noch die viel gemobbte ZDF-Reporterin Claudia Neumann bei der letzten EM.

Die eitlen Böcke von Sky sollten wissen: was sie reden, interessiert in meiner Fußballkneipe niemanden. Die zuschauenden Fans hören ja nicht Radio. Sky scheint mehr zu wissen, als sie öffentlich zugeben. Denn wenn die Reporter*innen ins Bild kommen, werden säähr gärne und zur Freude der interviewten Trainer, Spieler und Funktionäre verstärkt langhaarige Damen mit Next-Topmodel-Massen eingesetzt.

Vieles war früher konservativer, steifer, holpriger, es war auch nur sehr anders, aber nicht besser als heute. Wenn ich mir heute etwas wünschen dürfte, wäre es ein moderner Huberty, bei freier Wahl seiner Frisur.

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