NRW & Bertelsmann

Von , am Donnerstag, 23. Februar 2017, in Medien, Politik.

Als Helmut Kohls CDU in den 80ern in Westdeutschland das Privatfernsehen durchsetzte und förderte, um dem im öffentlich-rechtlichen TV identifizierten “Rotfunk” etwas entgegen zu setzen, suchten auch die großindustrieerfahrenen Sozialdemokraten nach Ankern in der neu entstehenden Branche. So entstanden neue Klischees: Kohlfreund Leo Kirch mit seiner Pro7Sat1-Gruppe war der Böse, und RTL/Bertelsmann (die Konzernmutter mit Sitz in Gütersloh!) waren die Guten. Insbesondere Wolfgang Clement, zunächst als Staatskanzlei-Chef von Johannes Raus, dann als sein Brutus und Nachfolger, liess sich nicht lumpen, wenn es um Einsatz für diese Lobby ging.

Konzernstrategien und ihre Ausdifferenzierungen haben die NRW-Sozialdemokraten dabei nie näher interessiert – Bertelsmann-Hauptaktionärin Liz Mohn ist, ebenso wie Friede Springer, eine “beste Freundin” der Bundeskanzlerin. Der Aufwand an Zeit und Intelligenz für die SPD wäre zu hoch gewesen. Der Konzern unternahm natürlich nichts, um ihr Klischeebild von ihm zu korrigieren, so blieb es eine harmonische Zusammenarbeit; die NRW-Politik hat noch nie versucht, Bertelsmann-Kreise zu stören. Dass der Medienkonzern, einst global unter den größten Fünf, mittlerweile abgesackt ist, weil er neue Medienentwicklungen verpasste oder zu spät erkannte, steht auf einem anderen Blatt, ist jedenfalls garantiert keiner sozialdemokratischen oder rotgrünen Kapital- und Konzernkritik geschuldet.

Da ist es regelrecht erfrischend, und wird im aufziehenden NRW-Landtagswahlkampf wahrscheinlich nicht “übertrieben” ausgebreitet, dass die Piratenfraktion (kurz vor ihrem Ableben) und die Rheinische Post mit ihrer erfrischend konzernkritischen Redakteurin Kirsten Bialdiga die aktuelle Zusammenarbeit der NRW-Staatskanzlei mit der Bertelsmann-Firma Arvato etwas genauer ins Visier nehmen. Ich wurde darauf durch diesen Telepolis-Bericht aufmerksam.

Disclaimer: Frau Bialdiga habe ich in den 00er-Jahren im RE 5 zwischen Köln und Düsseldorf vor einem bösen Fahrkartenkontrolleur aus Rheinland-Pfalz namens Marx (!!!) gerettet, der sich mit den NRW-Verkehrsverbünden nicht auskannte. Sie arbeitete damals für die verblichene Financial Times Deutschland, wechselte dann zur SZ. Sie ist eine exzellente Kennerin des Innenlebens von NRW-Konzernen, u.a. Thyssen-Krupp und Karstadt. Ein guter Fang für die RP.

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