Bonner General-Anzeiger – wie kriminell ist er?

Von , am Montag, 18. Dezember 2017, in Beuel & Umland, Medien.

Vorweg: ich achte die engagierte Arbeit der Lokaljournalist*inn*en des GA. Ich kenne mehrere persönlich, und verbürge mich dafür, dass sie versuchen, seriöse Arbeit abzuliefern. Ihre Arbeitsbedingungen allerdings: ojeh!
Der GA gehört der Familie Neusser. Für dieses Modell der Unternehmensorganisation gibt es sogar eine mächtige Lobbyorganisation, deren Hauptaufgabe es zu sein scheint, gegen eine sozial gerechte Erbschaftssteuer zu arbeiten. Dafür scheint genug Geld da zu sein.

In Familienunternehmen tritt biologisch zwangsläufig die Krisensituation Generationswechsel ein. Ich habe es bei meiner Heimatzeitung WAZ beobachtet. Die sozialdemokratische Erbenfamilie Brost liess sich, als Witwe Anneliese, eine gute Freundin von Johannes Rau und Bodo Hambach, abgelebt war, von der CDU-Familie Funke (“Funke-Mediengruppe”), die heute Grotkamp und Holthoff heisst, für eine knappe Milliarde Euro herauskaufen. Bevor es viel weniger wert ist.
Denn gedruckte Zeitungen – wer kauft die? Ich (60) nicht mehr. Sie? Die Kartellisierung der Verteilung von Information ist überwunden. Ich brauche sowas nicht mehr, und weiss, wo ich es herbekomme.

Selbstverständlich erfahren wir es in Bonn nicht, sondern es bleibt Spezialwissen medienpolitisch interessierter Individuen, dass es beim General-Anzeiger eine Durchsuchung gegeben hat. Die Wurzel dieses Vorgangs ist die Tatsache, dass die Zeitungsverleger schon seit Jahrzehnten NRW in Herrschaftsbereiche aufgeteilt haben, in denen sie sich Monopole sicherten. Für einige wenige Jahrzehnte schafften sie es so, sich hemmungslos die Konten zu füllen. Auch die Bonner Familie Neusser ist so sehr reich geworden.
Dann kam das Internet, Hort alles Bösen. Jetzt können wir uns Informationen nicht nur selbst beschaffen, sondern auch selbst verbreiten. Der Wert von Zeitungsverlagen sinkt, lieber eher als später verkaufen. In dieser Lebenslage ist die Familie Neusser, ganz ähnlich wie die Brosts (s.o.).
Eine Qualitätsstrategie für professionellen Journalismus, der sich vom Internetamateurtum, wie wir es auch in diesem Blog pflegen, abhebt, hat noch kein*e Verleger*in entwickelt. Für den Reichtum, den sie in den vergangenen Jahrzehnten anhäufen konnten, ist das ein ziemlich radikales Armutszeugnis. Statt in exklusive Qualität zu investieren, und zwar nicht nur Kapital sondern auch Ideenreichtum und Intellektualität, streichen und sparen sie alle (!) alles zusammen, um sich die letzten Reste von Profit zu sichern. Armselig.
Die Gleichen verlangen nun, dass öffentlich-rechtliche Medien, also unsere, alles unterlassen, was “presseähnlich” ist. Wir sollen also so doof bleiben, wie sie uns halten. Wer soll solchen Figuren noch vertrauen?

Die Familie Neusser scheint sich nun mit dem bisherigen Partner-Verlagshaus DuMont aus Köln zerstritten zu haben, und die Rheinische Post bessere Karten zu besitzen. Einst war die “Rheinische Pest” als CDU-Propagandaorgan verrufen. In letzter Zeit haben sie aber auch fortschrittliche Leute angeworben, mir persönlich waren Richard Gutjahr und Kirsten Bialdiga aufgefallen.
Imgrunde ist es egal. DuMont ist heute ein normalkapitalistischer Konzern, bei Bedarf erbarmungslos gegenüber seinen Beschäftigten. Und ist es noch wichtig, wer in Bonn eine gedruckte Zeitung besitzt? Nicht mehr lange.

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