Die Plastikmüll-Legende

Von , am Mittwoch, 17. Januar 2018, in Politik.

Sieh an, die EU-Kommission hat mal wieder eine Idee gehabt – der Plastikmüll sei ein Problem, hat Kommissions-Vizepräsident Timmermanns nun nach über 30 Jahren schöner neuer Plastikwelt plötzlich entdeckt und erkannt, dass im Meer bald mehr Plastik schwimmt, als Fische. Ja, wie kann das denn sein, fragen sich nun alle? Anders als die jahrelangen Appelle von Grünen, Bioläden, NaBu, BUND und allen möglichen Initiativen schafft er es heute auf Titelseiten und in den Wirtschaftsteil und hat auch schon gleich die Schuldigen gefunden:  Uns alle!  Ja, wir sind es, wir, die 37,4 Kilo Verpackungsmüll als jede/r Bundesbürger/in pro Jahr pro-du-zie-ren. Aha, da haben wir’s: Die Bürger sind die Übeltäter! Ich habs ja immer schon gewusst, aber ich stelle ja sowas nicht her! Ich bin Berater, ich schreibe und telefoniere, fahr mal Auto oder Bahn, gut – ich fülle Toner in meinen Laserdrucker – aber ich hab sowas noch nie wirklich hergestellt. Aber meine Nachbarn von oben, die füllen immer die gelbe Tonne, wer weiss, was die nachts alles in der Küche heimlich an Plastikverpackungen zusammenkochen!

Lobby der Verpackungsindustrie war die EU

Im Ernst: Ich habe mich gefragt, ob ich mich jetzt eigentlich komplett vergackeiert fühlen soll, als ich die gestern diese Nachrichten gehört habe. Seit den 80er Jahren ist bekannt, dass Plastikmüll eines der gravierendsten Umweltprobleme des Planeten Erde ist. Plastikflaschen, Plastiktüten, Verpackungen aller Art und natürlich Gebrauchsgegenstände, die man aus allem anderen, nur nicht aus Plastik herstellen sollte, wie Kochlöffel und Zahnstocher zum Beispiel überschwemmen den Markt und haben sich allen Versuchen der EIndämmung zum Trotz mit immer neuen Offensiven zur Eindämmung entzogen. Dazu hat die EU durch ihre Politik der Einmischung in den Warenverkehr sich als einzige Lobby der Verpackungindustrie erwiesen. Oder war es nicht die EU, die vorgeschrieben hat, dass etwa Dauerwürste wie Salami, die Jahrhuntertelang in ihren Häuten transportiert, verkauft, gehandelt wurden, gesetzlich mit einer zweiten aus Plastik versehen werden müssen? War es nicht die EU, die versucht hat, die kleinen Essig- und Ölflaschen, Sambal- und Soyasoßentöpfe, Gewürzgebinde und Parmesamtöpfe auf den Tischen der Restaurants zu verbieten, um sie durch kommerziellen Einwegverpackungsmüll ersetzen zu wollen? Hat nicht geklappt, aber nun kommt der “große Wurf” – die Lösung sei, so verspricht Timmermanns, es sollen ab 2030 alle Kunststoffe “wiederverwertbar” sein?

 

Habe ich geträumt oder irgendetwas verschlafen? Seit den 80er Jahren macht uns der “Grüne Punkt” des DSD doch vor, alles, was in der gelben “Wertstofftonne” abgefahren wird, werde wiederverwertet? Warum sonst wird denn “PET” oder “PP” und anderes auf die Verpackungen gedruckt? Könnten Umweltschützer etwa recht haben, die seit Jahrzehnten behaupten, das Zeug würde gar nicht wiederverwertet, sondern von der Müllmafia, zu der auch das DSD gehört, nach China exportiert, in Müllverbrennungsanlagen “thermisch verwertet” oder einfach auf hoher See mit hoch versicherten Schiffswracks oder auch einfach ohne – einfach verklappt? Ist es ein Zufall, dass diese “Initiative” der EU jetzt plötzlich kommt, nachdem Ende letzten Jahres China erklärt hat, keinen Plastikmüll mehr zu kaufen? Ich jedenfalls stelle die 37,4 kg pro Jahr nicht her. Aber ich werde trotz tapferer ökologischer Gegenwehr immer wieder gezwungen, den Mist anzunehmen, wenn ich mir etwas kaufe und obwohl ich viel im Geschäft lasse, ihn dann wegzuwerfen. Das Wort “Entsorgen” kommt mir dafür nicht über die Tastatur, weil es an sich schon eine immanente Lüge ist.

 

Dosenpfand bedeutet: Himmel stürzt ein, und überall Ratten

Denn Sorgen macht dieses Zeug aller Orten und nicht nur, was da im Rhein treibt, was an allen Autobahnrändern liegt und inzwischen fast an jedem Waldweg. Ich erinnere mich noch gut daran, als Bundesumweltminister Jürgen Trittin das Dosen- und Einwegflaschenpfand eingeführt hat. Roland Berger hat damals ein Gutachten für den Dosenhersteller Schmalbach-Lubeca geschrieben, nachdem der Himmel einstürzen würde, wenn in Deutschland Dosenpfand und solche Automaten eingeführt würden. Ratten würden durch die Supermärkte laufen und es würde gotteserbärmlich stinken, hieß es da. 2000 war das – inzwischen läuft das System so hervorragend, dass es nicht nur manchem Obdachlosen oder Geringverdiener ein Zubrot durch Flaschensammeln erlaubt, es hat auch die Produktion von PET-Einwegflaschen in unangeahnte Höhen getrieben. ALDI, LIDL, NETTO und alle anderen bösen Discounter haben fast ihr gesamtes Getränkearsenal auf Einweg umgestellt, die Glasflaschen-Recyclingquote im Getränkebereich, zu Trittins Zeiten noch um knapp 80%, liegt heute weit unter 40% und fällt weiter. Tetra-Pak, in den 80er Jahren einer der größten Spender für die FDP, hat es geschafft, dass seine ökologisch windigen Papp-plastik-alu-sonstwas Verbundkartons inzwischen als umweltfreundlich gelten. Jedenfalls, wenn man den Zertifikaten glaubt, weil die den für den Transport nötigen Kraftstoffverbrauch mit in die Ökobilanz einbeziehen. Das hilft aber nicht bei der Müllreduktion.

 

Können Buchstaben verschimmeln? Von 16 ct. auf 1 €

Warum müssen Bleistifte, Füllerpatronen, Batterien, Filzstifte, Scheren, Tonerkartuschen, jede Art von Gebrauchsgegenständen im Supermarkt in Plastikhüllen eingeschweißt werden, die um ein vielfaches größer sind, als der Gegenstand selbst? USB-Sticks, Nasenhaartrimmer, Speicherkarten, elektrische Zahnbürsten und ihre Ersatzaufsätze? Warum ist jeder Joghurtbecher ein Kunstwerk des Mogelns, müssen Puddingverpackungen einen Kunststofffuß haben? Weil die Täuschung über den Inhalt und das Mißtrauen gegenüber dem Kunden immer wichtiger wird, weil man mit 4er Packungen mehr verdient, als mit Einzelverkäufen und selbst die absurdesten Produkte in Plastik eingeschlagen werden. Warum kommt mein SF-Roman in Plastik eingeschweißt – könnten die Buchstaben vielleicht auf dem Postweg verschimmeln?  Der Verpackungswahn in Parfümerien, 50ml oder gar 20 ml Substanz in mindestens drei verschachtelte Verpackungen zu quälen, alles, um exorbitante Preise zu rechtfertigen? Kaffeekapseln, um den Preis einer Tasse schwarzer Brühe von 16 ct. auf über 1 € zu treiben, Einmalrasierer statt Rasierklingen, und das alles will die EU-Kommission nun etwa endlich verbieten?

 

Nein – mitnichten! Subventionen in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro soll es geben, um das Problem zu lösen. Lösen heisst für die EU Wiederverwertung Technik entwickeln – aber ich möchte erst mal wissen, wieso die nicht schon längst stattfindet? Die Stoßfänger meines Autos vorn und hinten sind aus recyceltem Kunststoff, sagt der Hersteller, so steht es in seinem Umweltbericht. Und das DSD wurde noch unter Helmut Kohl eingerichtet. Ja, sind wir denn etwa belogen worden? Money for nothing, pollution for free – chicks for DSD?

Also nochmal: Ich stelle die 37,4 kg p.A. nicht heimlich nachts her, kaufe fast nur im Bioladen, beim Metzger und Obsthändler. Und das feine, weisse Klopapier von ALDI ist doch zertifiziert… oh, mal lesen…das bezieht sich ja nur auf die Herkunft des Holzes “aus Naturplantagen”. Moment mal, Klopapier wird doch aus Altpapier gemacht, habe ich gedacht…und in Plastikfole ist’s auch noch verpackt…!!!

 

Man nennt es Greenwashing

Greenwashing nennt man das, was Discounter und Verpackungsindustrie uns in den letzten Jahrzehnten aufgetischt haben. Mit dem wachsenden Internethandel wird alles noch eskalieren, denn da weiss ich überhapt nicht, wie verpackt wird, was ich bestelle. Auf jeden Fall ist alles immer eingepreist. Die Verpackung und in Deutschland auch schon die “Entsorgung” durch das DSD.  Mehr als Greenwashing wird es vermutlich nicht werden, wenn die EU nun eine Recyclingquote von 100% bis 2030 verspricht. Denn nichts ist so lukrativ, wie die Erzeugung, das Sammeln und der Handel mit Plastikmüll. Das ist der Mafia seit über 30 Jahren bekannt – jetzt hat es die EU-Kommission auch gemerkt.

Wir brauchen Europa – aber nicht eine solche Kommission!

3 Kommentare zu “Die Plastikmüll-Legende

  1. Martin Ottensmann

    Es kommt aber doch ein wesentlicher Faktor beim privaten Konsum hinzu: Der Internethandel führt zu mehr Verpackung. Auch wenn dort durch neues Verpackungsmaterial der Anteil von Wegwerfplastik reduziert werfen kann. Im Besonderen wenn einfach mal 4 paar Schuhe bestellt werden um dann mindestens 3 wieder zurückgeschikt werden.

    Die Gegenläufige Bewegung verpackunglos zu kaufen befarf des Aufbau eines neuen logistischen Systems.

    Entscheidend ist bei der Wiederverwertung des Rohstoffs: Warum wird nicht von der Politik ordnungspolitisch einegegriffen um den geringen Anteil des wiederverwertbarens Plastiks der große Rest verbrannt wird und ein Export verboten wird, weil damn die Kontrolle bewusst ausgeschaltet wird.
    In München haben zum Beispiel keinen gelben Sack. Der Zweifel der rochtigen Entsorgung besteht trotzdem.

  2. Isa

    Danke!

    Ich habe mittlerweile gefühlt hunderte Stoffbeutel (deren Ökobilanz schlechter ist als die von Standard-Plastiktüten), trotzdem häufig Probleme, bei Offline-Einkäufen die richtige Stofftüte zur Hand zu haben (ich mag einen neuen Pulli nicht zu den Zwiebeln legen) und dann schaut mal bei der Papier- oder Plastikmüllabholung raus: Berge von Verpackungsmüll dank Zalando, Amazon und Co.

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