Gutes Fernsehen – kommt es wieder? Im Stream?

Von , am Donnerstag, 25. Januar 2018, in Medien.

Harald Staun und Hernan D. Caro (klingt nach Pseudonym) haben in einem Beiboot der FAZ eine lesenswerte Reportage zur Fabrikation deutscher TV-/Streaming-Serien veröffentlicht. Ungefähr in die dort beschriebene Richtung wird es gehen. Ich möchte nur ein paar kleine Abweichungen artikulieren.

Ich gehöre zu den Verehrern Dominik Grafs. Schon seine ersten Gehversuche im Vorabend-TV (“Auf Achse” mit Manfred Krug; “Der Fahnder” mit den verstorbenen Klaus Wennemann und Dieter Pfaff, sowie Dietrich Mattausch) sind heute noch vorzeigbar, ja entschieden geniessbarer als der Müll, der heute produziert wird. Andere eher schräge Sachen von ihm sind geradezu grossartig: der Jubiläumsfilm zum Grimme-Preis “Es werde Stadt“, der beste Film, der jemals über Marl gemacht wurde, oder seine Erinnerung an Michael Althen. Aber “Im Angesicht des Verbrechens“, vom deutschen Feuilleton fast einhellig militant verteidigt, war missraten, langweilig und klischeebeladen. Weil er dafür vom deutschen TV-Apparat so viel Kredit bekam, der noch während des Sendens quotenbedingt zusammenbrach, was mehr über die Stabilität des deutschen öffentlich-rechtlichen Systems als über Grafs Werk verriet, zog er eine Furche der Kreativitätszerstörung in und durch dieses TV-System hindurch. Was einem Graf misslang, so die Logik der Quoteningenieure, das können die andern auch nicht – bloss nicht anfassen!

Allergie vor Gegenwartsstoffen?

So ist TV hierzulande dann auch geworden. Qualitätsverwöhnt wurden in den letzten 10-15 Jahren andere: Britannien. Dänemark, Schweden, Norwegen – und ein paar schöne Schmähschmankerl aus Österreich (Braunschlag von David Schalko u. ähnl.).

Nun werden die Streamingserien gepriesen, und im Drehen des PR-Rades immer ganz vorne dabei die Firma X-Filme, die sich u.a. Tom Tykwer geholt hat. Doch auch dort wird das Risiko gescheut, die Ängstlichkeit der TV-Redaktionen schon im vorauseilenden Gehorsam antizipiert. Es gibt eine Allergie vor Gegenwartsstoffen. “Babylon Berlin” wird in den 20er Jahren angesiedelt. Da kann man schöne Frauen in schönen Kostümen zeigen. Ja, und wie schlimm das dann alles endete.
Da ziehe ich “4Blocks” doch eindeutig vor, das in den echten Strassen Berlin-Neuköllns gedreht wurde, und uns von offen zugänglichen Mediatheken leider vorenthalten wird, weil der private Produzent TNT damit noch Geld verdienen will (und muss?).

Unterschlagen wird von den FAZ-Autoren die ebenfalls von der Kritik einhellig gefeierte ZDF-Serie “KDD-Kriminaldauerdienst” (2007-10), für die der Sender kein Standvermögen bewies und sie verbrannte, wie er es schon mit den “Sopranos” gemacht hatte. Ich habe damals den Erfinder und Drehbuchautor Orkun Ertener für den Freitag interviewt. Für den Untergang dieser besten deutschen TV-Produktion der letzten Jahrzehnte müssten sich ZDF-Intendanz und -Programmdirektion heute noch in die Ecke stellen und schämen. Und jetzt versuchen sie mühselig mit dem Nischensender ZDFneo, den Schaden wiedergutzumachen. Für Böhmermann und die Köln-Ehrenfelder Produktionsfirma ist das ein Segen, oder wie Jürgen Becker sagt: “Nix iso schlääsch, dattet nech für irjnwatt joot es.”

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