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Die Tomate und das Grosskapital

Als Kind mochte ich Tomaten. Rot war meine Lieblingsfarbe. Mein Lieblingsgericht – das scheint bei heutigen Kindern immer noch aktuell – war Nudeln mit Tomatensauce. Meine Mutter belĂ€stigte mich dabei immer mit Salat. Mit den Jahren merkte ich, wie die meisten Konsument*inn*en, dass die Tomaten an Geschmack verloren. Eilig wurde die Schuld hollĂ€ndischen TreibhĂ€usern zugeschoben. Viele sahen die Lösung in Eigenanbau.
Eine Scheinlösung. Denn die weitere Entwicklung dieser biologischen Art ist uns und den meisten BĂ€uerinnen und Bauern entzogen. Wie Tomaten heute erzeugt und verarbeitet werden, kriegen wir nicht mit und steht auch nicht im Kleingedruckten auf dem Etikett. Darum ist es verdienstvoll, dass uns der TV-Sender 3sat jetzt darauf aufmerksam macht. Den Film “Rotes Gold – Die Geheimnisse der Tomatenindustrie” von Xavier Deleu und Jean-Baptiste Malet haben Sie nicht gesehen? Macht nichts: hier ist er.
Nicht minder sehenswert die im Anschluss gesendete Dokumentation von Joachim Walther: “Das GeschĂ€ft mit der Armut – Wie Lebensmittelkonzerne neue MĂ€rkte erobern“. Dieser Film zeigt, wie Konzerne vom Schlage Unilever oder Nestle mit “Basisarbeit” in afrikanischen Slums MĂ€rkte fĂŒr ihre synthetischen Fertigprodukte erobern, und den Menschen frische Produkte abgewöhnen. Diese Strategie wird begĂŒnstigt durch die Freihandelsabkommen der EU (EPAs), mit denen die afrikanische Landwirtschaft ruiniert und von unseren Agrokonzernen abhĂ€ngig gemacht wird. Die Verbrecher*innen – sie sitzen hier bei uns.

2 Kommentare

  1. Roland Appel

    In irgendeinem Sender – ich glaube es war SWR Fernsehen, kam im Februar ein Bericht ĂŒber eine sĂŒddeutsche ZĂŒchterin, einen norddeutschen DickschĂ€del und weitere “Wahnsinnige”, die Artenvielfalt und Geschmack wesentlich besser schĂŒtzen, als der Verfassungsschutz das Grundgesetz. Diese Menschen sammeln, zĂŒchten und verkaufen Samen von Tomaten, Kartoffeln und GrĂŒnkohl und vielen anderen Nutzpflanzen, retten zahlreiche Arten vor dem Aussterben und kutivieren sie. Der Hammer: Ihr Tun ist illegal!! Sie verstoßen nĂ€mlich damit gegen Gesetze, von denen ich mir im Jurastudium nicht hĂ€tte trĂ€umen lassen, dass es sie gibt. Sie können wirklich bestraft werden, fĂŒr das, was sie tun, denn eigentlich dĂŒrfen sie die Samen nicht verkaufen und nur privat verschenken.
    Nur 43 Kartoffelsorten dĂŒrfen nĂ€mlich in Deutschland angebaut und verkauft werden, darĂŒber wacht (ernsthaft!) eine staatliche Stelle, die dem Landwirtschaftsministerium nachgeordnet ist. Da prĂŒfen und essen Testesser diese Kartoffelsorten und: Der GESCHMACK SPIELT KEINE ROLLE! Der sei nĂ€mlich subjektiv, deshalb lassen die alles zu, was sich schön industriell sĂ€en, ernten und schĂ€len lĂ€sst, schön aussieht, egal, ob es gesund ist, schmeckt oder wie es riecht. Dasselbe gilt fĂŒr GrĂŒnkohl, Tomaten und viele andere Pflanzen, die ohne die TĂ€tigkeit dieser Menschen schon ausgestorben werden, denn es gibt keine Samendokumentationnstelle, die sich um den Artenschutz von Nutzpflanzen kĂŒmmert.

  2. Martin Böttger

    Lieber Roland, die Dokumentation, an die Du Dich erinnerst, habe ich auch gesehen. Das war die hier vom NDR:
    https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/45_min/Verbotenes-Gemuese,sendung511572.html
    In der Tat sehenswert. DarĂŒber hinaus ist hinzuweisen auf einen internationalen “Saatgut-Tresor” der auf Spitzbergen auf Kosten der norwegischen Regierung betrieben wird, hier der Wikipedia-Eintrag:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Svalbard_Global_Seed_Vault
    Hier in der Region, in Bonn und Köln, gibt es gelegentlich Saatgut-Tauschbörsen,
    https://www.slowfood.de/termine/termine_regional/bonner_saatgut_tauschboerse/
    von Slowfood oder Anderen veranstaltet – gar nicht so wenige Suchmaschinentreffer.

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