Unsere Verantwortung für Bayer und Monsanto

Von , am Dienstag, 10. April 2018, in Beuel & Umland, Politik.

Die EU-Kommission hat vor Wochen einen entscheidenden historischen Fehler begangen – sie hat der Fusion von Bayer und Monsanto zugestimmt. Gestern haben amerikanische Kartellaufsichtsbehörden den Weg für die Fusion frei gemacht. Diese Fusion könnte sich als eines der größten ökonomischen Verbrechen gegen die Umwelt und zur Zerstörung vieler bäuerlicher Existenzen und sozialer Gefüge in der Dritten Welt herausstellen – und wir haben nichts dagegen getan. Die Geschäftsmodelle von Monsanto sind darauf ausgerichtet, die Bauern der Welt mit gentechnisch verändertem Saatgut ökonomisch abhängig zu machen und letzlich zu versklaven. Zum Saatgut verkauft Monsanto noch Pestizide, denn entgegen dem Märchen, gentechnisch veränderte Pflanzen bräuchten keine Pestizide mehr, brauchen diese Kunstgewächse natürlich welche und wegen des inzwischen eingetretenen Wirkungsverlusts aufgrund von Resistenzen seit Jahren immer mehr. Die sozialen Folgen dieser agrochemischen Keulen führen die Legende, die Gentechnik würde gebraucht, um die “hungernden Menschen der Welt” zu ernähren, vollends ad absurdum. Ganz im Gegenteil: Was heute in USA, Südamerika und auf vielen anderen Monokulturen noch manuell und mit konventionellen Maschinen – Trecker und Ackergiftversprühgestell – stattfindet, soll in Zukunft drohnenüberwacht voll digitalisiert werden und die Landwirte vollends zu unmündigen Vollstreckungsgehilfen der Chemiekonzerne Bayer/Monsanto machen.

Bayer tut es, weil es kann

So verkauft Monsanto nach einem Filmbericht des WDR-Fernsehens im Januar 2018 Bauern auf dem indischen Subkontinent Samen für Pflanzen, ohne sie darüber aufzuklären, dass diese keine keimfähigen Saaten hervorbringen. Viele Kleinbauern werden weltweit so ruiniert, weil sie zu Saaten überredet werden, deren Folgekosten sie niemals tragen können. Zum Teil verschuldeten sie sich bereits im Vorfeld der ersten Ernte. Ihr Land eignen sich die Verkäufer der Saaten an. Diese Strategie ist inzwischen in vielen Ländern der Südhalbkugel bekannt, verhasst und wird von Initiativen bekämpft. Monsanto ist für viele politische Initiativen südamerikanischer Kleinbauern der Hauptgegner. Da kommt dem skrupellosen Chemiegiganten aus den USA die Fusion mit Bayer gerade recht, um das eigene Image aufzupolieren. Bayer ist in Südamerika vor allem durch “Aspirin” ein angesehenes Unternehmen mit einem Namen von gutem Klang. Warum will Bayer diese Fusion? Der Vorstandsvorsitzende ist besessen von dem Gedanken, Bayer kann den US-Gentechgiganten schlucken und tut es deshalb einfach. Die Mehrheit der Aktionäre ist skrupellos. Das Wissen, es zu können, ist wie eine Droge – es macht groß, es vermittelt das Gefühl von Macht und Unsterblichkeit. So muss sich Lindbergh nach der Landung in Frankreich gefühlt haben, Armstrong nach der Rückkehr vom Mond, Schrempp nach der Fusion von Daimler-Benz mit Chrysler und nun Werner Baumann.

Werner Baumann – kein Buhmann, nur Technokrat des 21. Jahrhunderts

Wer ist das? Ein durchschnittlicher, unauffälliger Volkswirt, der seit 1988 für die Finanzen des Bayer-Konzerns zuständig war, der nicht zum Buhmann taugt, der nachdenklich, differenziert und dialogfähig erscheint. Kein ehrgeiziger Machtmensch wie Schrempp, kein eitler Selbstdarsteller wie Josef Ackermann, nur ein Technokrat des Kapitalismus des 21. Jahrhunderts. Der kühl kalkuliert, der keine Skrupel hat, mit Glyphosat nicht nur die Bestäuber zu vernichten, sondern vermutlich auch diese weitere Möglichkeit, die Landwirtschaft in Abhängigkeit von seinem Konzern zu treiben als Glücksfall für sein Unternehmen begreift. Jede Wette, dass Bayer in Zukunft auch für die Bestäubung Techniken entwickeln wird, um sie für profitable Techniken zu instrumentalisieren – und wenn sie mit Bienenstöcken auf Lastwagen durch die Felder fahren, wie es in den USA schon gang und gäbe ist.

Das strategische Zentrum ist hier, gleich nebenan

All das findet vor unserer Haustür statt. In Leverkusen nördlich von Köln – und warum tun wir alle nichts? In den 80er Jahren demonstrierten Aktive von Greenpeace mit dem Schlauchboot, Grüne mit dem gemieteten Dampfer auf dem Rhein vor einem Bayer-Abflussrohr. Dieses Problem der Dünnsäure-Verklappung ist beseitigt. Die Fusion mit Monsanto hat ganz andere Folgen und Dimensionen, die wir nicht direkt spüren, die aber die Welt zum Schlechten verändern werden. Indem sie bäuerliche Existenzen zerstören, Fluchtursachen schaffen, ökologische Desaster verursachen. Weltweit werden neue Absatzmärkte entstehen, die mit der ökologischen Zerstörung und Abhängigkeit, Versklavung und Enteignung von Kleinbauern einher gehen. Die Armut der Landbevölkerung wird sich weiter ausbreiten, es werden durch diese Armut die Flüchtlinge geschaffen, die Europa nicht aufnehmen will, die auch gar nicht bis zu uns kommen. Die Fusion von Bayer und Monsanto heute schafft neue Grundlagen für die Flüchtlingsbewegungen von morgen.

Zerstörung von Existenzen, Ökologie – und Europa

Wir könnten es stoppen, wir könnten eine ökologischere und weniger kapitalistisch fremdbestimmte Landwirtschaft ermöglichen. Wir können in einigen Jahren nicht behaupten, wir hätten nichts gewusst. Wir können auch nicht behaupten, wir hätten nichts tun können. Wo sind unsere Demonstrationen, unsere Blockaden gegen die Fusion von Bayer und Monsanto, unsere Einsprüche, Verfahren und Boykottaufrufe? Wo ist der politische Druck auf Kartellbehörden, auf die Parteien zur Verschärfung des Kartellrechts? Denn hier werden die Entscheidungen getroffen, die die Welt und ihre Agrarökonomie maßgeblich beeinflussen. Bayer ist ein deutsches Schlüsselunternehmen. Aber auch ein weiteres Beispiel dafür, dass nicht die EU und eine humanitäre Flüchtlingspolitik das Gemeinwesen zerrütten, sondern ihre von kapitalistischen Profitinteressen dominierte Wirtschaft, die dafür willfährigen EU-Institutionen. Sie sind es, die den positiven Gehalt Europas zerstören, dem Gemeinschaftsgedanken schweren Schaden zufügen und langfristig zutiefst asozial handeln. Tun wir was dagegen. Auf der Hofgartenwiese in Bonn ist noch viel Platz.

Dieser Beitrag erscheint auch bei rheinische-allgemeine.de

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