Nachtreten in der #metoo/WDR-Affäre

Letzte Woche das vermeintliche “Tabubrechen”, das nur ein in den rechten Wind gehängtes Fähnchen war. Jetzt ein Verteidigungsinterview mit dem #metoo-beschuldigten bisherigen WDR-Fernsehspielchef Gebhard Henke, dessen Fall durch einen Vergleich mit seinem Ex-Arbeitgeber der gerichtlichen Aufklärung entzogen wurde.
An der sinkenden Auflage kann es kaum liegen. Im Gegensatz zum Branchentrend hat “Die Zeit” in zwei Jahren nur rund 13.000 (von 505.000) Druckexemplare weniger verkauft. 2% Miese in zwei Jahren – da kann es noch dauern bis der Tanker sinkt. Andere Verlage könnten bei solchen Zahlen ihr Glück kaum fassen.
Meine Vermutung ist, dass es, wie in jedem mittleren oder grossen Betrieb – und Die Zeit hat gewiss eine der grössten Redaktionen bundesweit – einen heftigen inneren Bürgerkrieg um die strategische Ausrichtung der eigenen Arbeit geht.
Das Henke-Interview ist dafür kein Glanzstück. Weil es online nicht frei zugänglich ist, erreicht es eine breite Öffentlichkeit nicht. Die wird nur über Verkaufs-PR bezweckende zusammnfassende Meldungen informiert. Diese sind insbesondere für Henkes an dem Interview teilnehmenden Anwalt Peter Raue – gut, der hat nichts mehr zu verlieren – wenig schmeichelhaft. Den Henke beschuldigenden Frauen unterstellt er demzufolge “Misserfolg”, was für die öffentlich als Hauptprotagonistin auftretende Charlotte Roche wohl am wenigsten zutrifft; und auf die andere namentlich bekannte Nina Petri ebenfalls nicht. Mit seinem personalisierten Angriff auf Roche, wer ihr glaube, der “glaubt auch an den Weihnachtsmann” surft er besonders unelegant auf Roches Ruf in der Kölner Szene als “Zicke”. Ich selbst kann es nicht beurteilen, weil ich sie nicht persönlich kenne. Das ist auch unerheblich für die Wahrheitsfindung. Wenn ein Anwalt und älterer Herr öffentlich mit solchem Geraune arbeitet, ist das in der PR-Wirkung ein glattes Eigentor.
Besser für die Jungs wäre, sie würden, wenn die Meldungen über dieses Interview ihre wahren Fähigkeiten ausleuchten, jetzt schweigen, und ihren Ruhestandaktivitäten nachgehen. Sie hattens doch mit dem irrlichternder Widerpart WDR noch ganz gut getroffen. Den sollten sie jetzt seine Arbeit machen lassen. Inbesondere auch seine Aufklärungs- und Strukturreformarbeit, an deren Ende die für ihn arbeitenden Frauen besser geschützt und mit glaubwürdigen Verteidigungsinstrumenten ausgestattet sein sollten.

In der Zeit-Redaktion gibt es auch einen Lichtblick: Fußballredakteur Oliver Fritsch, lesen Sie mal hier.