Gestern Abend war in der Schalke-Arena zu erleben, wohin der sozialkommerzielle Umbau des Fußballs führt. Keine Fans mehr da (nur aus Holland), alle benehmen sich und halten sich an die Regeln. Und haben einen überdimensionierten Eintrittspreis bezahlt, obwohl doch die Haupteinnahme, wie immer, vom TV bezahlt wird (gestern ARD, also von uns allen). Das Geschehen auf dem Rasen, ja war ganz nett, dass das auch dabei war.
Entsprechend dann auch die Einstellung der DFB-Elf. Die jüngeren Spieler arbeiteten für eine erfolgreiche Fortsetzung ihrer Karriere. Dank guter Ausbildung gelang ihnen das ganz gut. Nach einer frühen 2:0-Führung wurde vor allem am guten individuellen Aussehen gearbeitet, gute Technik bei hoher Geschwindigkeit – das A und O einer Spielerperformance. Wichtig: sich nicht verletzen, sonst war alles umsonst. Da den Zuschauer*innen vor Ort das Geschehen so egal war, gab es keinen direkten psychologischen Druck, mehr tun zu müssen, als ein 2:0. Gefühlsmässig hatten sie alles im Griff, auch die Abwehrreihe schien alles unter Kontrolle zu haben. Der Angriff spielte den Holländern einige Knoten in die Beine, allerdings auch sich selbst bei den zahlreichen vergebenen Chancen (Werner, Reus/Sane, Kehrer).
Was sie wohl selbst auf dem Feld nicht gemerkt haben (Filterblase?), dass die Mannschaft der Niederlande aus einem tiefen sportlichen Tal kommend, noch die Fußballwelt erobern will. Dass sie bereits erlebt hat, dass das gegen die nominelle Weltspitze, die Weltmeister von 2014 und 2018, auch tatsächlich möglich ist. Wenn sie hart daran arbeiten und fest daran glauben. Und so geschah es.
Es war die Einstellung. Nicht (nur) der Einzelnen – sondern des Teams. Immerhin hat das DFB-Aufgebot die deutsche Gesellschaft in ihrer aktuellen Verfassung absolut angemessen repräsentiert: eine Mischung von jugendlichem Ehrgeiz und Überdruss der verdrängt werdenden Alten, narzisstisch sich selbst überschätzend, die Welt da draussen immer weniger verstehend.
Noch ein Tipp für die Fußballfuzzis in ihrer Business-Loge: wenn Sie bei Länderspielen wieder Stimmung im Stadion haben wollen, laden Sie doch die Kreisligaspieleraufgebote zu freiem Eintritt ein, und/oder die Spieler der Jugend-Bundesliga West (A-, B- und C-Junioren). Das wären mehrere Tausend, absolut sachverständig und engagierter als die gehobene Mittelschicht, die für so einen Abend immer mehrere Hunderter griffbereit hat.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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