Wer ist Habeck – gegen Schmidt?

Von , am Sonntag, 23. Dezember 2018, in Fußball, Lesebefehle, Medien, Politik.

Sie vermuten jetzt vielleicht, hier solle es um den (gestrigen) 100. Geburtstag von Helmut Schmidt gehen? Irrtum. Helmut Schmidt hätte die heutige Weltunordnung wahrscheinlich nicht mehr ausgehalten, und wäre heute ganz gewiss nicht mehr regierungsfähig. Es hätte ihn eher krankgemacht. Schon die Herren Zbigniew Brzeziński und Jimmy Carter waren in der Lage, bei ihm Nervenzusammen- und Wutausbrüche zu provozieren. Im Amt des Bundeskanzlers hätte der Herzkranke Trump und Putin gewiss nicht überlebt. In seiner Sicht auf den Gegenwartskapitalismus war er an seinem Lebensabend Leuten wie mir, die ihn im Amt noch politisch bekämpft haben, nähergekommen, wie mir Extradienst-Autor Peter Wahl, damals im Attac-Vorstand, aus Gesprächen mit Oskar Lafontaine berichtete.
Nein, um diesen Schmidt geht es mir nicht. Der Neue heisst Florian Schmidt und vergesellschaftet Wohnungen. Bisher nur in Berlin. Er steht damit an der sozialpolitischen “Front” unserer Tage. Ich weiss noch nicht mal, ob er in der Grünen-Gesässgeografie links oder rechts ist. Meine partei- und taz-unabhängigen Quellen aus Kreuzberg bezeugen mir, dass er gute Arbeit macht und hochangesehen ist. Anders als solche, die kriminelle Radfahrer eigenhändig verhaften oder kriminelle Ausländer persönlich abschieben wollen, drängt Schmidt bisher nicht in bundesweite Revolverblätter, sondern wächst zum Star eines stadtplanerischen und wohnungspolitischen Fachpublikums heran. Westdeutsche Kommunalpolitker*innen unternehmen bereits Pilgerreisen. Weil der Mann dort populär ist, wo sie ihn genau dafür gewählt haben. Es sind nicht mehr viele, die das von sich behaupten können.

Lesen Sie heute ausserdem:
Ambros Waibel/taz hat zwei Bücher zu deutschen Italien-Vorurteilen gelesen.
Oliver Maria Schmitt/FAZ – wer sonst? – hat den klar besten Nachruf auf F.W. Bernstein geschrieben.
Claudius Seidl/FAS ist eine exzellente Dekonstruktion des Systems “Spiegel” gelungen, natürlich anhand der aktuellen Affäre (die wir hier und hier bereits behandelt haben).
Brendan McGeever hat im Jacobin-Magazin, einem wichtigen Medium der US-Linken eine sehr lesenswerte Abhandlung über den Kampf gegen Antisemitismus in der russisch-sowjetischen Revolution vor 100 Jahren veröffentlicht. Eine deutsche Übersetzung finden Sie bei der deutschen Schwester von Jacobin Adamag (technischer Ärgerhinweis: auf dieser Seite kann ich nur navigieren, wenn ich in den Einstellungen meines Browsers ausdrücklich Cookies zulasse).
Zur Super-Hinrunde von Borussia Mönchengladbach haben die seitenwahl-Kollegen eine kundige Würdigung verfasst, die auch in den Medien wenig erwähnte Personen – ein Erfolgsgeheimnis des ganzen Vereins, vergleichen Sie das mal mit S04! – mit verdientem Lorbeer behängt.

Eine “neue” Perspektive auf die Hauptstadt-Rutschbahn
Ausgerechnet Oettinger. Angehöriger des Anti-Merkel-“Andenpakts”, am Ende seiner Politikkarriere, mit Plänen an seinem Lebensabend endlich mal “richtig Geld zu verdienen”, wie es der von Seinesgleichen beneidete März schon über 10 Jahre tut, dieser Oettinger bläst nun Wind in unseren krummen Bonner Rücken und rät, Bundesminister*innen sollten vermehrt von Brüssel und Strassburg aus regieren. Tja, da sind die “Bonner” Ministerien ja fein raus. Von hier aus lässt es sich nach Brüssel gut pendeln. Habe ich schon ausprobiert. Wenn die Bahn fährt.

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