In der 90. Spielminute hatte ich den “Nachruf” auf die diesjährige Bundesligasaison im Kopf schon fertig geschrieben. Die drei Tore, die zum 2:1-Halbzeitstand für den Dorfverein aus Ostdeutschland führten, hätten alle in Arnd Zeiglers Auswahl zum Kacktor des Monats gepasst. Die Gastgeber haben den BVB taktisch entschlüsselt, hatten ihn weitgehend unter Kontrolle. Allerdings nur mit extremem Kraftaufwand.
Mittel des BVB waren nur schwer erkennbar. Die Jungtalente Sancho (18!, wer soll so ein Jahrhunderttalent in diesem Alter auf dem Boden des wahren Lebens halten?) und Pulisic (20!) wirkten weitgehend überspielt, letzterer ist schon bei Abramowitschs Chelsea unter Vertrag. Die möglichen Offensiv-Alternativen Alcácer und Götze waren gar nicht im Aufgebot. Bester BVB-Spieler auf dem Platz war Thomas Delaney, der die Mannschaft sichtbar zusammenhielt, und für seinen formidablen Lattenschuss in der 2. Halbzeit ein Tor verdient gehabt hätte. Beste Chancen wurden, wie so oft, im Dutzend ausgelassen.
Entscheidend erschien also, ob der Fußballkonzern aus dem süddeutschen Raum seine Krisensymptome der letzten Tage für eine Trotzreaktion nutzt, oder ob er selbst eine Krise “nimmt” und auf diese Weise künstlich für Spannung sorgt.
Was dann aber die Herren Sancho und Reus in der 93. Minute zauberten, beide hatten alle Spielminuten schon in den Knochen, das spricht nicht nur für ihre fussballerischen Fähigkeiten (von anderen ist nicht so viel bekannt), sondern auch für die ihres Trainers und seines Stabes. Dieser Moment war in jeder Hinsicht Weltklasse. Wenn es noch mehr solcher Momente gibt, müssen wir diese Saison noch nicht abschreiben. Und irgendwelche Champions-Leagues und Club-WMs brauchen wir dann auch nicht.
Übrigens dauerte das Spiel auch deswegen so überlang, weil das Pay-TV(!) in der Pause noch so viele Werbeclips (!) der Wettmafia (!) verballern musste.
Update 17.3.: Eine gute Analyse zum gegenwärtigen deutschen Spitzenfussball lieferte Dietrich Schulze-Marmeling in der Wochenend-taz ab.