Kompetenzzentrum Südwestrundfunk/SWR
Kürzlich musste ich an einem Freitag Bahnreisen. Das ist eindeutig der schlimmste von allen Wochentagen: Berufs- und Wochenendverkehr treffen zusammen. Schon in meiner Berufspendlerzeit 1990-2005 gab es bei der Heimreise nur noch Sitzplätze auf dem Boden – vor einer Tür, oder im Fahrradabteil. So nutzte ich also jetzt eine Schnupper-Bahncard 1. Klasse, die die DB mir unverlangt, und in ihrer Gültigkeit befristet, zugesandt hatte. Naja, ss kam alles, wie es kommen musste: an einem Umsteigebahnhof stiegen Fahrgäste zweier ICEs zu: der fahrplanmässige hatte 20 Minuten Verspätung, ein weiterer war ganz ausgefallen. Danach war in meinem Zug auch alles zuende, auch in der 1. Klasse. Ich überstand das Ganze dann im Speisewagen, sitzend. Ein ganz normaler Freitag. Das allein wäre diesen Blogeintrag gar nicht wert, so gewöhnlich ist das.
Gestern entdeckte ich nun, dass der von mir nur selten genutzte SWR einen ganzen Programmabend mit seinem Bahnreport bestritt. Der Sender hat dank seiner jahrzehntelangen Reihe “Eisenbahn-Romantik” eine gewachsene Berichterstattungskompetenz. Die Eisenbahn-Romantik wurde seit ihrer Gründung von Hagen von Ortloff betreut, der nun aber schon geraume Zeit in Rente ist. Seitdem scheint der Sender noch keine ähnlich ausdauernde Nachfolge gefunden zu haben. Als wenig recherchefreudiger Konsument habe ich noch nicht herausgefunden, wann noch Erstsendetermine von neuen Eisenbahn-Romantik-Folgen laufen – an Werktagen nachmittags 14.15 h laufen beständig Wiederholungen aus dem reichhaltigen Archiv. Sie sind immer sehenswert, ein Paradies für “Pufferküsser”. Von Ortloff betreute ein halbes Dutzend kompetenter Filmemacher*innen, und konnte mit ihren Werken auch Arte, 3sat und Phönix beliefern. Vielleicht ist auch der Draht von der Eisenbahn-Redaktion in Baden-Baden zur SWR-Programmdirektion zu lang für eine zuverlässige Sendefolge.
Am gestrigen Abend jedenfalls haben die SWR-Eisenbahnleute gezeigt, was in ihnen steckt. Und der Bahnreport scheint mir auch auf der SWR-Homepage benutzerfreundlich präsentiert.
In der Publikumsdiskussion (gestern 22-23 h) wurde deutlich, dass ein Kern der Bahnprobleme die Geringschätzung menschlicher Dienstleistungsarbeit ist. Betriebswirtschaftlich ist es “teuer”, die Kundschaft dagegen erwartet Leistung als Selbstverständlichkeit. Ich schnappte z.B. samstags Gespräche eines Bordrestaurantteams auf. In einem Zug, der in Düsseldorf enden sollte, wurde ich kurz vor Dortmund um Rechnungsbegleichung gebeten. Mein Wunsch nach Dessert und Espresso wurde freundlich und schnell noch miterledigt. In Dortmund gab es einen Teamwechsel im Bordrestaurant. Das neu zugestiegene Team hatte nun keine Chance auf Umsatz mehr, durfte nur noch aufräumen. Und musste in Düsseldorf 1 1/2 Stunden tatenlos rumlungern, bis sein nächster Zugeinsatz begann. Da kommt natürlich Freude auf, bei allen Beteiligten. Köch*inn*e*n gibts übrigens bei der Bahn keine mehr. Es wird nichts mehr gekocht, sondern nur noch heissgemacht. Die Bahn würde keine Köch*inn*e*n mehr finden. Sie sucht jetzt sowieso verzweifelt Personal für fast alle Jobs. Das wird teuer.
Schauen Sie sich das an: SWR-Mediathek hier und hier, Publikums-Livediskussion fehlt leider. Sie werden sehen, wie auskunftsfreudig verärgerte Fahrgäste und Bahnbedienstete sind. Sie haben viel zu sagen, und es geht weit über Geschimpfe hinaus. Es ist ein Blick in die Praxis. In Deckung blieben dagegen die Verantwortlichen von DB-Vorstand und Bundesregierung. Sie gaben und geben keine Interviews. Dass sie damit die Informations-, Presse- und Meinungsfreiheit gleich mit unterminieren, juckt sie nicht. Ihr Ansehen hier draussen im wirklichen Leben ist ja sowieso schon unten durch.
Update mittags: Die Bundeskanzlerin war in Goslar, bei Sigmar Gabriel vor der Haustür, und hat mit Schüler*inne*n diskutiert. Nach einer in der FAZ wiedergegebenen dpa-Meldung, soll sie dort gemeint haben, “dass es nicht sein könne, dass Bahnfahren teurer ist als Fliegen. Und es dürfe auch nicht sein, dass Busfahren mehr koste als mit dem eigenen Auto zu fahren. Der öffentliche Personennahverkehr müsse attraktiver werden” – na super, läuft doch alles … Oder?

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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