Kompliment an die Serienproduktion des ZDF. Blockbustaz, Tanken, Eichwald, alles Produktionen, die zunächst auf ZDFneo ausprobiert wurden – beim Bingewatching funktionieren sie. Die Dramaturgie der 6er-Staffeln basiert darauf, dass der Anteil des Absurden von Folge zu Folge gesteigert wird. Das Besondere dieses Absurden ist, dass es auf Wirklichkeitskernen beruht. Die Kunst ist, es dem Publikum in einer verdichteten Essenz von 30 Minuten zu präsentieren, mit Sinn fürs Komik-Timing und einer Riege erstklassiger Schauspieler*innen.
Ich schreibe das unter dem Eindruck der bingegewatchten 2. Staffel von “Eichwald MdB” (hier gehts los), das im ZDF-Sommerlochprogramm auf dem Freitags-Sendeplatz der heute-show (22.30 h) abgesendet wird. Ich habe selbst im Parlamentsbetrieb gearbeitet, 15 Jahre in NRW-Landtag, 10 Jahre im Bonner Stadtrat. Vieles war bei mir anders, besser, ernsthafter. Ich war halt nicht in der SPD, die bei Eichwald (aus Bochum!) nachempfunden wird; die ersten Landtagsjahre der NRW-Grünen ab 1990 waren Pionier-, Anfangsjahre. Seitdem hat es in den Fraktionsapparaten eine Professionalisierungsentwicklung gegeben, die sich auf den bei Eichwald abgebildeten Betrieb zubewegt hat. Die asozialen Konzernmediennetzwerke haben den Betrieb zu meiner Zeit noch nicht so bestimmt, wie heute, und bei Eichwald abgebildet. Mit der erstmaligen Eroberung von Regierungsführung winken den Grünen nun einerseits neue Pionierjahre. Andererseits wird der Anpassungsdruck wachsen. Alles wird schneller gehen, als in 150 Jahren SPD; immerhin werden die (West-)Grünen nächstes Jahr auch schon 40.
Die zugespitzten und dramaturgisch verdichteten Charaktere bei Eichwald sind mir in ähnlicher Form alle begegnet. Ästhetisch und sozial gelungen ist die Abbildung der Städte Berlin und Bochum. Der Wert dieses Werks der Kundschafter-Filmproduktion ist die Zuspitzung zur Kenntlichkeit, durchaus auch mit Elementen einer berechtigten Denunziation, aber auch der Vielschichtigkeit, die jedem der dargestellten Menschen innewohnt. Dass die Männer dabei eine jämmerlichere Figur abgeben als die Frauen, das ist Teil des Realismus und treffender, als es die Produzent*inn*en zur Zeit des Filmdrehs ahnen konnten. Der Nahles-Sturz hat sich erst nach den Dreharbeiten ereignet, wird mit stark verfremdeten Rollen aber erahnt. Maren Kroymann als Super-Political-Animal hat jedenfalls ihre Unterlippe noch über der Wasserlinie ;-) Fortsetzung folgt?
Mir hat es Spass gemacht. Und ich fühlte mich als ehemaliger Teil des Systems verstanden. Menschen, die überlegen, demnächst für Ähnliches zu kandidieren, sollten sich das ansehen. Es wird sie nicht bestärken. Aber wer danach immer noch will, hat die Überzeugungskraft, die sie*er braucht.