It’s capitalism, stupid! Dem herrschenden Wirtschaftssystem wohnt der Megatrend des Wachstums und der Beschleunigung inne. Nur wer dabei der Grösste und Schnellste ist, und den kostspieligen Produktionsfaktor (menschliche) Arbeit radikal zurückdrängt, schafft die ersehnte Profitmaximierung. Alle anderen sind beständig bedroht vom “tendenziellen Fall der Profitrate”. Wer es bis dahin nicht begriffen hatte, bekam eine Ahnung davon, als die Digitalisierung der Produktionsverhältnisse fühlbar wurde. Ist zwar auch schon das eine oder andere Jahrzehnt so; aber die meisten sind halt Spätmerker. Das ist die Lücke für Demagogen: weil der Mensch, und erst recht Menschengruppen, für Lernprozesse Zeit benötigt, die die Produktionsverhältnisse nicht gewähren, entsteht eine Lücke, in der Politikverbrecher*innen Gold schürfen können.
Was da gestern zusammengewählt wurde, war eine leicht vergrösserte Kommunalwahl. Sachsen ist – an Menschen – kleiner als das Ruhrgebiet. Brandenburg ist kleiner als der kleine Punkt in seiner Mitte. Im Rheinland sagt man: “Da wohnt doch keiner.” Viele doch, sind halt übrig geblieben.
Ich nehme mal mich und das Ruhrgebiet als lebensnahes Beispiel. Der neoliberale Kapitalismus hat uns, ob wir wollen oder nicht, die egomane Individualisierung übergestülpt. Im Zweifel: ICH. Ich habe mir halt im Rheinland, in der damaligen Bundeshauptstadt, bessere Perspektiven versprochen als im industriegeprägten Ruhrgebiet. Wie recht ich doch damit hatte! Zwar liebe ich den Menschenschlag und auch die soziale Landschaft und Region, die ich zurückgelassen habe, mehr, als meine neue Heimat. Mehrmals in meinem Leben habe ich auch mit dem Gedanken gespielt, zurückzukehren, wenn sich dafür berufliche Grundlagen finden lassen. Es blieb beim Gedankenspiel. Hier im Rheinland hatte ich halt “alles”, was das Leben schön macht.
So haben es Millionen “Ostdeutsche” auch gemacht. Mehr Frauen als Männer, mehr Junge als Alte.
Wenn ich nun sehe, dass im Stadtteil meiner Herkunft im Essener Norden nicht nur kein Bioladen weit und breit existiert, sondern auch keine Kneipe mehr, der Einzelhandel ebenfalls weitgehend aufgegeben hat, und nur durch Migrant*inn*enökonomie überhaupt noch existiert, mein 87-jähriger Vater mehr Knappschaftsrente bezieht, als er, selbst wenn er wollte, ausgeben kann, tja, dann fasst der gegenwärtige, digitalisierte Kapitalismus diese Region und die dort übriggebliebenen Menschen wohl als überflüssig und nutzlos auf. Wäre ich eine*r von ihnen, klar wäre ich sauer.
Was machen nun die nicht wenigen Menschen mit positiver menschenfreundlicher Lebenseinstellung, die voll von Energie, Neugier und Schaffenskraft sind? Versuchen sie dort, wo sie geboren sind, für das Gute und gegen das Böse zu kämpfen? Nein, sie sehen nicht nur ihren Flecken Heimat, sondern sie wollen die Welt sehen. Wenn ihre Eltern es sich leisten können, bereisen sie sie auch. Und bleiben am Ende dort, wo sie glauben, in der zur Verfügung stehenden, immer knapper werdenden Lebenszeit am glücklichsten werden zu können (ein Versprechen übrigens, das in den USA Verfassungsrang hat: “Pursuit of Happiness”).
Eine blöde Sache ist jetzt zu der Beschleunigungsdynamik des Kapitalismus noch hinzugekommen, das nicht nur die Alten, sondern auch die Jungen die Knappheit der Zeit fühlen lässt: der Wandel des Klimas auf unserem Planeten beschleunigt sich mit den Produktionsverhältnissen – seit Karl Marx eigentlich keine Überraschung mehr – aber s.o. Spätmerker. Wissenschaftler*inne fürchten und drohen, dass das Tempo der Klimaveränderung das der Produktionsverhältnisse existenziell übertreffen könnte. Irgendwann wird es “zu spät” sein – oder war es? Die Menschen müssen sich einer Entscheidung stellen, vor der es kein Ausweichen gibt: wollen wir so leben, als wenn mensch da “sowieso nichts (mehr) machen kann”? Oder sehen wir noch menschliche Möglichkeiten, an dieser Entwicklung etwas zu ändern – die Erde untertan machen, aber konstruktiv? Schöpfung bewahren/retten? Yes, we can!? Oder nicht?
Ja, das ist Polarisierung. Es gibt kein Ausweichen, sehen wir ihr lieber geradeaus ins Angesicht.