Freitags auf der Deutschen Bahn – das ist immer ein Abenteuer. Gestern im IC nach Essen. Wegen Überfüllung, schon auf dem engen Bahnsteig (Gleis 2 + 3) im Bonner Hbf. habe ich pendlerzielsicher auf direktem Weg das Bordbistro angepeilt. Das Geüsecurry mit 10 Ct. Spende für den Regenwald war vorrätig. Im Bistrowagen funktionierte die Technik. Was will der Fahrgast mehr?
An meinem Tisch eine Dame auf dem Weg von Bad Godesberg nach Düsseldorf. Sie stöhnt über die Zustände am Godesberger Bahnhof, ewige Baustelle, keine Toilette, aber immerhin – wie in Beuel – ein Fahrkartenschalter. Sie ist vom Autofahren weg. Am Kölner Ring sei alles verloren, da sei die Bahn trotz aller Malaisen die bessere Alternative. Unser Gespräch mäandert zu Tunnelproblemen allüberall, chaotische Zustände, ausufernde Instandhaltungskosten, gierige Immobilienspekulanten, die die Bahn (z.B. in Köln) vergraben wollen, um oben drüber noch reicher zu werden. Mein politischer Kommentar: “In das Loch in Stuttgart werden noch viele reinfallen.”
Gegenüber platzierten sich zwei Schweizer Pärchen. Einer wurde aufgrund schwarz-gelber Farbe seines Hemdes von einem Durchgehenden angesprochen: “BVB-Fan?”. Antwort: “Young Boys Bern!” (die tragen auch schwarz-gelb). Ich rief sarkastisch rüber: “Machen Sie Abenteuerurlaub – freitags Deutsche Bahn fahren? Wir beneiden Sie ja um Ihre Bahn!” Ausserdem identifizierte ich mich als Borussia-Mönchengladbach-Fan: “Haben wir Euch nicht mal kürzlich aus einem Europacup rausgeworfen?”, worauf er mich hinter die Fichte führte: “Wir haben doch 1:0 gewonnen.” Von wegen, das recherchierte ich aber erst heute morgen. Nein, nein, sie wollten nach Dortmund, zum Fußball. Und tatsächlich, als sie ihre Winterjacken abgelegt hatten, trugen alle vier BVB-Trikots. Das bedeutet also: Schweizer*innen reisen über 600 km um ein Heim-3:3 des BVB gegen Paderborn zu sehen. Die Pointe war jedoch etwas anderes: der IC, in dem wir führen, fuhr schweizerisch, in Düsseldorf und Duisburg minutenlang haltend, weil die Abfahrtzeit noch nicht erreicht war. Ankunft in Essen auf die Sekunde genau! Freitagsnachmittags!
Naja, die Schweizer*innen als Schutzpatronen meiner Fahrt hatten ein Sparpreisticket mit Zugbindung. Die aber war aufgehoben, weil sie die darauf vorgesehenen Anschlüsse nicht erreicht hatten. Vieles war also an diesem Freitag doch normal.

U-Bahnfahren mit Rollator und Kameraüberwachung

Wie bei meinem letzten Mal spielte sich das eigentliche Drama in der Essener U-Bahn ab. Wie üblich Verspätungen. In der Stadtmitte am Hirschlandplatz stieg eine schwerbehinderte Frau mit Rollator ein. Am nächsten Stop wollte sie wieder raus. Zu spät erkannte sie, dass sie über die gegenüberliegende Tür raus musste, die aber defekt war. Die nächsten drei Haltestellen hatten den Bahnsteig für sie ebenfalls auf der “falschen” Seite. Ihr Rollator war zu breit, um ihn durch die Sitzreihen zu einer anderen Tür zu bugsieren. Unter halsbrecherischen Bedingungen versuchte sie, ihn zusammenzufalten, was nur knapp unfallfrei gelang. Fahrgäste waren ihr behilflich, wussten aber über den Umgang mit dem Rollator nicht Bescheid. Frage: was soll die komplette Kamera-Überwachung in der Bahn, wenn niemand (weder Fahrer*in noch die Leitstelle) sieht, was die Kamera zeigt? Das ist nur Simulation von Sicherheit. Kriminelle haben echte Sicherheit: sie können ungestört Leute zusammenschlagen oder beklauen, und wissen, dass ihre Heldentat sogar gefilmt wurde. Das ist es doch, was sie sich wünschen. Ein Sicherheitsgewinn sind Kameras nur, wenn ihre Aufzeichnungen von echten Menschen gesehen werden, und diese in kürzester Zeit intervenieren können. Nichts davon in Essen (und in 98% aller Überwachungskamra-Fälle!).

Lucien lass’ den BVB – komm zurück zu unserer Borussia

Noch mal zurück zum BVB. Als ich den Zwischenstand 0:3 hörte, war ich sicher, dass sie Lucien Favre raussetzen. Sie haben wohl nur noch keinen Neuen gefunden, die AKK-artig führungsstarken Herren Watzke und Zorc. Den Schweizer*inne*n im Bistrowagen hatte ich schon aufgetragen, Favre herzlich zu grüssen. In Dortmund werde er total ungerecht behandelt – allgemein zustimmendes schweizerisches Grummeln. Bei uns in Mönchengladbach sei immer ein Plätzchen frei, ergänzte ich. Favre wäre eine prima Ergänzung zu Hans Meyer im Präsidium, mit seiner Fachkenntnis und seinen exzellenten Beziehungen in die Talentschulen der Schweiz – ich erinnere an Jörg Stiel, an Granit Xhaka (Super-Transfer zu Arsenal) und Yann Sommer.

Rückfahrt – unfallträchtig

Rückfahrt aus Essen: ganz normal: 5 Minuten Verspätung angesagt. Real aber 15 Minuten. Vorher zwei Züge bis Köln, aber keine orientierende Durchsage. Keine Menschen, nur Computeransagen. Als der IC endlich einfährt, stoppt er vorzeitig. Die Aussteigewilligen entwickeln Panik, an manchen Wagen öffnen sie die Türen mit mechanischer Gewalt, obwohl der – sehr lange – Zug sein Halteziel am Bahnsteig noch gar nicht erreicht hatte. 3 oder 4 Personen waren schon raus, als er erneut anfuhr, um den Bahnsteig komplett zu erreichen. Im Zug und auf dem Bahnsteig hilfloses Zugbegleitpersonal, das mit Krisengesprächen ausgelastet war, statt den Fahrgästen behilflich sein zu können. Potenziell lebensgefährliche Krisensekunden. Am Ende in Bonn waren dann 30 Minuten Verspätung eingefahren. Also alles normal für einen Freitag.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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