Angriffe, die stark machen

Von , am Freitag, 29. November 2019, in Politik.

1987 gab es wie in allen Bonner Stadtteilen auch in Beuel eine Initiative für einen Volkszählungsboykott. Es war eine Volksbewegung zivilen Ungehorsams für Datenschutz, der heutigen Klimabewegung nicht unähnlich, und aus heutiger Sicht vorausschauend und seinerzeit topaktuell auf Ballhöhe – und illegal. Bei den wöchentlichen Treffen der Beueler Initiative kamen rund 200 Menschen zusammen. Als damaliger Bundesgeschäftsführer der Jungdemokraten referierte ich dort regelmässig zum Stand der Dinge. Mein Mitautor Roland Appel zog die bundesweiten Strippen von seinem damaligen Arbeitsplatz in der Grünen-Bundestagsfraktion aus.
In Bonn verteilten wir eine – wie der Boykott selbst illegale – Zeitung an alle Bonner Haushalte, die am mir gegenüberliegenden Schreibtisch in der Jungdemokraten-Bundesgeschäftsstelle in der Reuterstr. 44 von meinem Kollegen Reiner Rosner layoutet worden war. Der anschliessende Vertrieb musste in 24 Stunden vom Druck bis zur Verteilung abgewickelt sein, um einer Beschlagnahmung zu entgehen. Das funktionierte tadellos. In die Hände von Staatsanwaltschaft und Polizei gelangten nur rund 500 von 100.000 Exemplaren. Unter der Kennedybrücke wurden die heutigen Plakatflächen etabliert: unsere selbstgemachten Boykottwandzeitungen waren das Erste, was dort klebte. Erst danach wurden die Flächen von den heutigen Veranstaltern “entdeckt”. Auch gegenüber der Mietwohnung des damaligen CSU-Staatssekretärs Spranger in der Hans-Böckler-Strasse hing ein Boykottplakat. Was den guten reaktionären Mann so wild machte, dass er für ein bundesweites Presseecho (der Autor des hier verlinkten Zeit-Artikels war übrigens mein Vor-Vorgänger in meinem damaligen WG-Zimmer in Beuel-Süd) sorgte.
Eine schöne Zeit. Ich konnte nicht mehr durch Beuel gehen, ohne dass ich ständig von wildfremden Menschen gegrüsst und geherzt wurde. Lauter Menschen, die an den wöchentlichen Treffen der Initiative teilgenommen hatten, so zahlreich, dass ich sie unmöglich alle kennen konnte. Allerdings: nicht wenige meiner heutigen Freundschaften sind damals entstanden. Ich genoss das “berühmt” sein, und lernte gleichzeitig, dass ich “sowas” nicht ein Leben lang brauchte.
Daran fühlte ich mich erinnert, als ich heute morgen beim DLF-Kultur las, wie junge Klimaaktivistinnen, bedeutend jünger als ich es 1987 war, in einem ostdeutschen Kaff wie Plauen von Neonazis bedroht werden. Verdammt ja – in Bonn ist die Organisation eines Klimastreiks viel Arbeit. Aber Arbeit, die Spass macht. Siehe, es gibt Regionen in diesem Land, in denen das auch gefährlich ist.
Schwarze Deutsche nicken dazu wissend. Sie werden davon auch dann belästigt, wenn sie gerade überhaupt keine Lust drauf haben, schlicht in Ruhe gelassen werden wollen. Gut, dass sich immer mehr von ihnen wehren. Viele habe ich bereits kennen gelernt. Und mal ehrlich: gucken wir Weisse nicht oftmals neidisch auf ihre Schönheit? Auch das hat eine rassistische Komponente. Schwarze wissen das, viele nervt es, manche macht es auch stolz. Solcher Stolz ist definitiv schön.

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