1987 gab es wie in allen Bonner Stadtteilen auch in Beuel eine Initiative fĂŒr einen VolkszĂ€hlungsboykott. Es war eine Volksbewegung zivilen Ungehorsams fĂŒr Datenschutz, der heutigen Klimabewegung nicht unĂ€hnlich, und aus heutiger Sicht vorausschauend und seinerzeit topaktuell auf Ballhöhe – und illegal. Bei den wöchentlichen Treffen der Beueler Initiative kamen rund 200 Menschen zusammen. Als damaliger BundesgeschĂ€ftsfĂŒhrer der Jungdemokraten referierte ich dort regelmĂ€ssig zum Stand der Dinge. Mein Mitautor Roland Appel zog die bundesweiten Strippen von seinem damaligen Arbeitsplatz in der GrĂŒnen-Bundestagsfraktion aus.
In Bonn verteilten wir eine – wie der Boykott selbst illegale – Zeitung an alle Bonner Haushalte, die am mir gegenĂŒberliegenden Schreibtisch in der Jungdemokraten-BundesgeschĂ€ftsstelle in der Reuterstr. 44 von meinem Kollegen Reiner Rosner layoutet worden war. Der anschliessende Vertrieb musste in 24 Stunden vom Druck bis zur Verteilung abgewickelt sein, um einer Beschlagnahmung zu entgehen. Das funktionierte tadellos. In die HĂ€nde von Staatsanwaltschaft und Polizei gelangten nur rund 500 von 100.000 Exemplaren. Unter der KennedybrĂŒcke wurden die heutigen PlakatflĂ€chen etabliert: unsere selbstgemachten Boykottwandzeitungen waren das Erste, was dort klebte. Erst danach wurden die FlĂ€chen von den heutigen Veranstaltern “entdeckt”. Auch gegenĂŒber der Mietwohnung des damaligen CSU-StaatssekretĂ€rs Spranger in der Hans-Böckler-Strasse hing ein Boykottplakat. Was den guten reaktionĂ€ren Mann so wild machte, dass er fĂŒr ein bundesweites Presseecho (der Autor des hier verlinkten Zeit-Artikels war ĂŒbrigens mein Vor-VorgĂ€nger in meinem damaligen WG-Zimmer in Beuel-SĂŒd) sorgte.
Eine schöne Zeit. Ich konnte nicht mehr durch Beuel gehen, ohne dass ich stĂ€ndig von wildfremden Menschen gegrĂŒsst und geherzt wurde. Lauter Menschen, die an den wöchentlichen Treffen der Initiative teilgenommen hatten, so zahlreich, dass ich sie unmöglich alle kennen konnte. Allerdings: nicht wenige meiner heutigen Freundschaften sind damals entstanden. Ich genoss das “berĂŒhmt” sein, und lernte gleichzeitig, dass ich “sowas” nicht ein Leben lang brauchte.
Daran fĂŒhlte ich mich erinnert, als ich heute morgen beim DLF-Kultur las, wie junge Klimaaktivistinnen, bedeutend jĂŒnger als ich es 1987 war, in einem ostdeutschen Kaff wie Plauen von Neonazis bedroht werden. Verdammt ja – in Bonn ist die Organisation eines Klimastreiks viel Arbeit. Aber Arbeit, die Spass macht. Siehe, es gibt Regionen in diesem Land, in denen das auch gefĂ€hrlich ist.
Schwarze Deutsche nicken dazu wissend. Sie werden davon auch dann belĂ€stigt, wenn sie gerade ĂŒberhaupt keine Lust drauf haben, schlicht in Ruhe gelassen werden wollen. Gut, dass sich immer mehr von ihnen wehren. Viele habe ich bereits kennen gelernt. Und mal ehrlich: gucken wir Weisse nicht oftmals neidisch auf ihre Schönheit? Auch das hat eine rassistische Komponente. Schwarze wissen das, viele nervt es, manche macht es auch stolz. Solcher Stolz ist definitiv schön.