Fake-Individualismus

Von , am Freitag, 6. Dezember 2019, in Genuss, Politik.

Vulgär-Ideologen und Menschen, die längere Texte als bei Twitter intellektuell nicht verkraften, könnten behaupten, durch den Sieg des Individualisierung im Neoliberalismus sei der autoritäre Charakter aus der Zeit Adornos besiegt. Ihnen (und allen andern) sei dieser ausserordentlich anregende Text von Karin Stögner in der Jungle World empfohlen, der dort unter dem Titel “Essay – Über die Aktualität des autoritären Charakters – Hass, Identität und Differenz” veröffentlicht wurde (ganz ohne Paywall, Gratulation und Dank!) Ein Kernsatz: “Der Staat ist auf die Maximierung der Nutzbarmachung selbst­optimierter und selbstorganisierter Individuen ausgerichtet.” Darauf komme ich unten noch mal zurück. Weitere Kurzzitate: “In ihr (der neoliberalen Persönlichkeit) sind die universalistischen Ideale der Aufklärung von Autonomie, Freiheit und Gleichheit in Ideologie verkehrt. … Bei aller Glorifizierung des Individualismus heutzutage wird den Einzelnen ihre Nichtigkeit und Prekarität beständig vorgeführt. … der Unwille (ist) auffällig, durch Differenzen dialektisch hindurchzudenken. … Emanzipatorisches Denken aber fokussiert auf das Individuum und nicht auf Gruppenidentitäten und versucht, in der Wahrnehmung der Differenzen zwischen den Individuen das Gemeinsame nicht im Sinn einer gruppenspezifischen Erfahrung, sondern im Sinn eines ­einigenden Interesses an Emanzipation herauszustellen.” Starke Einsichten, starker Text.
Wohin das führt, zeigte gestern ein DLF-Kultur-Feature von Anke Schaefer: “Weiblicher Orgasmus Das Ende der Mystifizierung”– Da, meine Herren, werden Sie nicht nur geholfen, wenn Sie mehr über “das Rätsel Frau” erfahren wollen. Es zeigt so nebenbei, dass die oben zitierte “Maximierung der Nutzbarmachung selbst­optimierter und selbstorganisierter Individuen” den Menschen so nebenbei Lust, Liebe und Sex enteignet. Im optimalen Fall können sie ein subversives lustvolles Gegenteil zum kapitalistischen Alltagsstress sein, oder wenigstens eine regenerierende Stimulierung körperlicher Selbstbewusstseins und daraus folgender Leistungsfähigkeit. Im häufigeren Fall sind sie aber, wie Anke Schaefer schön dokumentiert, bereits integrativer Bestandteil der neoliberalen Selbstoptimierungsfalle.

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