Von Günter Bannas
Diadochenkämpfe werden ausgetragen und legen sich als Schatten über die Vergangenheit. Wiederholt sich CDU-Geschichte? Nach bisher jeder „Ära“ hat es Jahre gedauert, bis das innere Machtgefüge der Partei wieder stabil war. Bis die unterschiedlichen Landesverbände, Parteiflügel und Generationen einen Ausgleich ihrer Interessen und Ambitionen hergestellt hatten. Nach der weit in die 1960er-Jahre reichenden Konrad-Adenauer-Zeit wurden zwei CDU-Bundeskanzler (Ludwig Erhard und Kurt Georg Kiesinger) und dazu noch der Parteivorsitzende Rainer Barzel verschlissen. 13 Jahre Opposition folgten, was dem sozialliberalen Mainstream in der Gesellschaft entsprach. Helmut Kohl brauchte lange, bis er nicht nur formal Vorsitzender war, sondern sich wirklich als Chef durchgesetzt hatte. Nach der Ära Kohl (25 Jahre CDU-Vorsitz, 16 Jahre Kanzlerschaft) ging es abermals in die Opposition – keine Chance gegen Rot-Grün. Wolfgang Schäuble blieb nur kurz Parteivorsitzender. Angela Merkel hatte zu kämpfen, bis sie sich gegen die CDU-Männer-Riege behauptet hatte. Die Wahlniederlagen, die Verhältnisse in Thüringen und der Wettstreit der – auch noch sämtlich aus Nordrhein-Westfalen stammenden – Aspiranten für Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur sprechen dagegen, dass sich die CDU bald stabilisiert. So wie einst nach Adenauer und nach Kohl suchen Merkels Epigonen nach neuen Wegen. Sie müssen es tun – und reden damit zugleich schlecht über die eigene Vergangenheit.

Der Zustand der SPD ist nicht besser. Nach der Schließung der Wahllokale in Hamburg am vergangenen Sonntag trat Olaf Scholz wie ein Chef auf. Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans hatten kaum Zeit zum Luftholen, da war Scholz in den Fernsehstudios präsent. Der bei der Wahl zum Vorsitzenden Unterlegene und nicht die Gewinner bestimmten Kurs und Wording der SPD. Scholz, der ein internationales Finanzministertreffen eigens früher verlassen hatte, drückte die beiden Vorsitzenden an die Wand. Das fiel umso leichter, als diese selbst in Konkurrenz zueinander stehen und auf der Suche nach Bündnispartnern sind. Dass der SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil und andere auch noch je ziemlich eigene Interessen verfolgen, wirkt sich bis in den Parteiapparat hinein aus. Am Aschermittwoch aber hat Saskia Esken manchem – natürlich ungenannten – Parteifreund in Berlin die Leviten gelesen und Ansprüche kenntlich gemacht.

Günter Bannas ist Kolumnist des HAUPTSTADTBRIEFS. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus “DER HAUPTSTADTBRIEF AM SONNTAG in der Berliner Morgenpost”, mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion.