Es gibt Ereignisse, die alles verändern. Das ist ganz sicher auch bei Corona so, auch wenn außer Christian Lindner niemand weiß, wie genau anders. Doch es gibt auch Dinge, die bleiben. Rassismus zum Beispiel
Tschernobyl. Der Fall der Mauer. Der 11. September. „Bis ans Ende unseres Lebens werden wir von Corona hören“, stöhnt die Tochter entnervt. Ja, so wird das sein. Komm klar. Keiner Generation sind Ereignisse erspart geblieben, die alle Sicherheiten in Frage stellten. Und die Gesellschaften von Grund auf veränderten. Zum Guten und zum Schlechten.
Über die Frage, welches die einschneidenden, äußeren Geschehnisse in den jeweiligen Biografien waren, können sich Tischrunden zerstreiten – wenn es wieder Tischrunden gibt. Allen Zäsuren ist gemeinsam: Als sie passierten, konnte sich niemand vorstellen, wie die Welt nach dem ersten Schock aussehen würde.

Das gilt auch für Corona. Was steht uns bevor, wenn die akute Krise vorbei ist? Das Ende der Globalisierung. Deren Anfang. Die Verödung der Innenstädte. Die Solidarisierung mit kleinen Geschäften. Der Siegeszug des Nationalen. Die Erkenntnis, dass kein Staat alleine überleben kann. Die Rückkehr der Religion in den Alltag. Die massenhafte Abkehr von Religionen. Die Stigmatisierung der Schwächsten. Der Kampf um und für alte Mütter.

In wenigstens einer Frage herrscht weitgehend Einigkeit: Es wird einen Quantensprung im Bereich der Digitalisierung geben. Konkret? Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner hat im Fernsehen angekündigt, dass Präsidiumssitzungen seiner Partei auch nach Corona per Video stattfinden sollen. Keine überflüssigen Dienstreisen mehr.

Sehr gut, Christian, du bekommst ein Fleißkärtchen. Zumal du mit den anderen in deiner Klasse – also den übrigen Mitgliedern des Präsidiums – darüber nicht gesprochen hast, bevor du es in die Kamera getrötet hast. Ganz brav.

Aber für Leute, die nicht nur Fleißkärtchen sammeln, fängt das Problem hier doch erst an. Homeoffice über Wochen hinweg macht vielen erst deutlich, dass persönliche Begegnungen unerlässlich sind. Gerade, wenn die Beteiligten viele Kilometer voneinander entfernt arbeiten.

Dienstreisen versus Klimaschutz? Ja, vermutlich wird die Frage nach Corona anders gestellt werden als vorher. Aber es ist eben auch gut möglich, dass der persönliche Kontakt künftig an Bedeutung gewinnt. Wer kann das wissen? Außer Christian Lindner, natürlich.

Manches scheint unveränderlich. Der AfD-Politiker Alexander Gauland freute sich am Beginn seiner Rede im Bundestag zum Rettungspaket der Regierung, dass endlich eine zentrale Forderung seiner Partei erfüllt wurde: die Schließung der Grenzen. So toll. Finden auch die Bauern, die gerade ohne Erntehelfer aus Osteuropa dastehen. Aber ihr solltet da nicht nachlassen, liebe AfD. Steigerungen sind möglich, ein Anfang ist gemacht. Zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Restdeutschland gibt es eine neue, innerdeutsche Grenze. Da geht doch noch was, AfD? Strengt euch an!

Ja, einiges wird bleiben. Rassismus zum Beispiel. Sechs Millionen Atemschutzmasken, bestimmt für Deutschland, seien auf „einem Flughafen in Kenia“ verschwunden, so eine weithin verbreitete Meldung. Der Sprecher eines Ministeriums bestätigte das auf der Bundespressekonferenz. Die Kenianer sprachen von „Fake News“. Offenbar zu Recht. Irgendwann stellte die Deutsche Botschaft in Nairobi klar: Keine Vorwürfe gegen Kenia. Gar keine.

Das schaffte es dann nicht mehr in die deutschen Nachrichten. Ein kenianischer Freund schreibt: „Kein Problem, wir sind daran gewöhnt, für Betrüger gehalten zu werden.“ Er schickt kein Smiley. Es klingt bitter.

Warum genau halten sich selbst in Zeiten schlimmster Krisen ausgerechnet die widerlichsten Stereotype? Keine Ahnung. Aber es erschwert mir die optimistische Stimmung – gemeinsam schaffen wir das! –, die derzeit offenbar erste Bürgerpflicht ist.
Dieser Beitrag ist eine Übernahme von taz.de, mit freundlicher Genehmigung von Autorin und Verlag.

Über den/die Autor*in: Bettina Gaus

Bettina Gauss ( † ) war politische Korrespondentin der taz. Von 1996 bis 1999 leitete sie das Parlamentsbüro der Zeitung, vorher war sie sechs Jahre lang deren Korrespondentin für Ost-und Zentralafrika mit Sitz in Nairobi. Ihre Beiträge sind Übernahmen von taz.de, mit freundlicher Genehmigung von Autorin und Verlag.