In einer Onlineabstimmung der SZ habe ich eben abgestimmt, dass ich die gegenwĂ€rtige Coronakrise als “Alptraum” empfinde. Mit dieser Einstellung, die sich bei mir weniger auf körperliches Wohlbefinden, als auf die Abschaltung von Grundrechten und Demokratie bezieht, war ich damit in einer klaren radikalen Minderheit. Die Mehrheit der bei der SZ vermutlich “gut-” und bildungsbĂŒrgerlichen Kundschaft stimmte fĂŒr “alles in Ordnung”. So ist die Lage, wenn sich KlassenverhĂ€ltnisse in Kopf und Medien reproduzieren.
SelbstverstĂ€ndlich bin ich unter diesen Bedingungen bei den Ersten, die an einer “Lockerung” und bedingungslosen RĂŒckgabe der Grundrechte – in Wahrheit wurden sie nie “gegeben”, sondern immer erkĂ€mpft! (Ausnahme: 2. Weltkrieg) – bin. Sie werden uns aber nicht zurĂŒckgegeben. Was zuerst gelockert wird, ist Business.
Und wieder macht es der Fussball vor. Die AfD-nahe Bild will herausgefunden haben, dass die Bundesliga am 9. Mai weitermacht, Geisterspiele selbstverstÀndlich, keine freien Menschen, die brauchen weder Bild noch DFL, aber freien Kapitalverkehr. Nicht nur die Pay-TV-Sender, auch Bild selbst hat ein massives Problem, schlicht uninteressant zu sein. Das war zwar schon immer so, aber jetzt merken es auch die Dummen.
Das ist paradigmatisch fĂŒr alle anderen gesellschaftlichen Bereiche. Denn “gehen Sie davon aus, junger Mann” (wĂŒrde Hans Meyer jetzt sagen), dass die DFL exzellente DrĂ€hte in die Hauptstadt hat. Es geht nicht in erster Linie um Ihre und meine Gesundheit, allenfalls nebenbei auch darum, in der Hauptsache aber um “das System”. Der Grundrechtsentzug wird exakt damit begrĂŒndet: das Gesundheitssystem, das die gleichen Akteure auf das RentabilitĂ€tsniveau getrimmt haben, das wir heute vorfinden, begrĂŒnden mit seiner drohenden Überlastung, oder gar seinem Zusammenbruch, dass zahlreiche Grundrechte ein paar Monate ausgesetzt werden mĂŒssen.
Wenn aber nicht nur das Gesundheits-, sondern auch sehr viele weitere (wichtigere?) Systeme von ebensolchem Zusammenbruch bedroht sind, wie die Schlaumeier*innen in Berlin und DĂŒsseldorf jetzt erschreckt feststellen – kann mann ja in der Hektik mal ĂŒbersehen – dann sind Korrekturen erforderlich. Jakob Augstein/Sp-on kritisiert einerseits richtig, tritt aber selbst in die Framingfalle, die er zu bekĂ€mpfen vorgibt: wer ist sein “Wir”? Mal zĂ€hle ich mich dazu, an anderen Stellen dagegen nicht. Ist es die Omnipotenz des reichen Mannes in der Hauptstadt?
Nachdem der Herr Drosten gemerkt hat, wie er als wissenschaftliches Gesicht fĂŒr diese Politik benutzt wurde, ist nun sein Nachfolger in Bonn, Hendrik Streeck dran. So ist das mit fehlender Medienkompetenz: wer seine SeriositĂ€t an Kai Diekmann verkauft, ist wahrlich sch…..lecht beraten. Da trieft die Sehnsucht der Wissenschaft, auch vom Lumpenboulevard verstanden werden zu wollen, aus jeder Zeilenritze. Armin Laschet dagegen, wahrlich nicht dumm, setzt Streeck fĂŒr seine Profilierung als Retter der Wirtschaft und potenziell ein bisschen liberalerer Landesvater ein.
Die Klischees von “die Wissenschaft”, “die Medien” und “die Politik” haben noch nie getaugt. Wenn das jetzt und in den nĂ€chsten Wochen mehr Leute merken als vorher, und dass die alle nur mit Wasser kochen, einige sogar mit schmutzigem, dann hat der Alptraum doch noch sein Gutes.