Beueler Extradienst

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Sie verstehen nicht

Gesine DornblĂŒth (DLF) / Kölner SchulbĂŒrokratie / Kanzlerkandidaten-Warn-APP
mit Update 26.8.
Als Leser*in dieses Blogs wissen Sie, dass ich Stammhörer des DLF-Wochenendjournals bin. Heute melde ich dazu jedoch weniger Begeisterung als Entgeisterung. Gesine DornblĂŒth, 30 Jahre lang Russland-Korrespondentin (“Das Land liebe ich. Putins Politik ist fĂŒr mich inakzeptabel.”) konnte bei ethnologischer Forschung in Deutschland beobachtet werden. Wie kann es nur sein, dass hierzulande Leute den Putin gut finden (ich nicht; mein Lieblings-Wladimir ist Kaminer) und die Politik der EU und der Nato gegenĂŒber Russland zu feindselig (die HĂ€lfte im Osten, ein Drittel im Westen, ich auch) finden?
Hier der Wortlaut des Teasertextes zu dieser Sendung:
“Russland hat den Deutschen Bundestag mit einer Cyberattacke angegriffen. Russland hat die Krim annektiert, Russland unterstĂŒtzt Assad im syrischen BĂŒrgerkrieg. PrĂ€sident Wladimir Putin regiert das Riesenreich immer autokratischer. Und wĂ€hrend sich seine Oligarchenfreunde auf Kosten der Bevölkerung bereichern, klagen die Menschen im Land ĂŒber den schlechten Zustand des Gesundheits- und des Bildungssystems. Trotzdem sind Putin und Russland heute in Teilen der deutschen Bevölkerung beliebt. Einer FORSA-Umfrage vom Februar 2020 zufolge haben 23 Prozent der Menschen in Ostdeutschland „großes Vertrauen“ zu Putin. In Westdeutschland sind es immerhin 9 Prozent. Und in einer Umfrage des ZDF meinte jeder zweite Ostdeutsche und jeder dritte Westdeutsche, der Westen sei „zu feindselig gegenĂŒber Russland“. Wer sind die Menschen, die Putins Politik verteidigen? Die Kritik am russischen Vorgehen in der Ukraine oder in Syrien ablehnen? Die gegen die Sanktionen sind? Und was treibt sie zu dieser Haltung? Gesine DornblĂŒth spricht mit Vertretern der ehemaligen Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, geht zu SpĂ€taussiedlern in Eberswalde, besucht ein Unternehmen, das im Russland-GeschĂ€ft tĂ€tig ist, diskutiert mit Aktivisten der Friedensbewegung und fĂ€hrt zu einem Russland liebenden Biobauern in der nordrhein-westfĂ€lischen Provinz.”
Ich höre Frau DornblĂŒth gerne. Sie hat eine sehr angenehme warme Radiostimme. Ihre Russland-Reportagen waren immer informativ, umso mehr, je weiter sie den Moskauer Hauptstadtzirkus verlassen hat. Heute hat sie einen MentalitĂ€tsfehler offenbart, dem mittlerweile, das war nicht immer so, die meisten festbeschĂ€ftigten deutschen Auslandskorrespondent*inn*en unterliegen. Bei dem Versuch dem deutschen Publikum ein fremdes Land begreiflich zu machen, scheitern sie, weil sie ihre eigenen mitgebrachten Klischees nicht ablegen, sondern anwenden. Die Gutwilligen unter ihnen glauben anscheinend, dass das Publikum sonst zu doof ist zu verstehen; die Denkfaulen dagegen machen es sich in der politischen Agenda der Bundesregierung, der AuswĂ€rtigen Amtes und der deutschen Botschaft bequem, das macht auf jeden Fall am wenigsten Ärger, u.U. braucht mann*frau ja auch gelegentlich ihren diplomatischen Schutz.
Zu den Risiken der professionellen Deformation gehört darĂŒber hinaus die TĂ€uschung, den Hauptstadtbetrieb fĂŒr reprĂ€sentativ fĂŒr ein ganzes Land zu halten, das begĂŒnstigt Faulheit. Dabei lernt mann*frau viele, interessante und sympathische Menschen kennen, auf Gegenseitigkeit. In der Regel handelt es sich um global politisch gebildete, sprach- und kulturkompetente GegenĂŒbers, von denen viel zu lernen ist. Nicht selten sind es intellektuelle Oppositionelle, die sich ihrerseits freuen, auf so grosses Interesse bei der internationalen Presse zu treffen. So fallen beide in die Hauptstadtfalle. Sie verwechseln ihre eigene soziale RealitĂ€t, um es mal politisch zuzuspitzen, mit der sozialen RealitĂ€t der Putin- (bzw. ganz Ă€hnlich der Trump-)WĂ€hler*innen.
Ich war selbst Ende der 80er Jahre mehrmals in der damals noch existierenden UdSSR. Im – noch aus BRD und DDR bestehenden – Deutschland war die Gorbatschow-Sympathiewelle auf ihrem Höhepunkt. In der UdSSR, in Moskau, Leningrad, Kiew und Tallinn lernte ich, dass Gorbi lĂ€ngst unten durch war. Vielleicht hatte ihm seine Anti-Alkohol-Kampagne in der Bevölkerung das politische Genick gebrochen. Ich war in Kiew, als er sie abbrach – die Kotzerei an Weiberfastnacht im Rheinland ist dagegen ein Kindergeburtstag. Gorbatschows Antisuff-Kampagne, gesundheitspolitisch mit der sinkenden Lebenserwartung solide begrĂŒndet, kam so an, wie heute und hier mannigfach die Anti-Corona-Lockdowns: die da oben wollen uns noch die letzte Lebensfreude wegnehmen. WĂ€hrend das hier und heute politisch umstritten ist, war es das damals in der UdSSR nicht, oder vorsichtiger: leider kaum. Die schlechte Meinung ĂŒber Gorbi war einhellig, der HoffnungstrĂ€ger hiess Boris Jelzin. Bei dem, so sollte sich schnell herausstellen, war mann vor solchen Kampagnen sicher – allerdings wurde alles andere noch viel unsicherer.
Als HoffnungstrĂ€ger wurde er auch in der hiesigen Öffentlichkeit verkauft, als er in Russland schon wieder lĂ€ngst unten durch war. Die Jelzin-Jahre werden von der Mehrheit der Russ*inn*en heute als die schlimmsten seit dem Grossen VaterlĂ€ndischen Krieg betrachtet. Alle Parteien und Politiker*innen, die fĂŒr einen Ă€hnlichen Kurs eintraten (oder sogar noch treten) sind in Russland zu Sekten zerbröselt, wĂ€hrend sie in deutschen Medien noch als tapfere “liberale” (im Kern neoliberale) Oppositionelle gefeiert werden.
Das Ziel solcher ignoranten Strategien ist kein selbstbewusstes, demokratisches Russland, sondern eine SchwĂ€chung seiner real existierenden Regierung. Wann haben Sie zum letzten Mal in einem deutschen Medium einen ErklĂ€rungsversuch gefunden, warum dieser durch und durch unsympathische und despotisch regierende Putin wieder und wieder wiedergewĂ€hlt wird? Das hat es mal gegeben. Wie lange ist das her? War es Fritz Pleitgen? Oder war es Gerd Ruge? Meine Frage: warum machen aktuelle Korrespondent*inn*en, diese, ihre Kernarbeit nicht mehr? Bekommen sie es verboten? Oder haben sies nicht gelernt? Stolpern sie ĂŒber die Ahnungslosigkeit ihrer Heimatredaktionen? Ist gar die PR-Arbeit des AuswĂ€rtigen Amtes zu “gut”? Nee, das kann es schon mal gar nicht sein …
Wenn Sie (nicht-festangestellte) Ausnahmen kennenlernen wollen, versuchen Sies mal bei Ulrich Heyden (telepolis und nachdenkseiten) oder direkt beim Ex-KBler Kai Ehlers. Sie zeigen: es ist nicht unmöglich, es geht. Zum selbststÀndigen Denken und schreiben neigt sogar Reinhard Lauterbach (Junge Welt); ich mag das DoktrinÀre dieser Redaktion nicht, aber bei ihm fehlt es auch!
Update 26.8.: Zu den profanen Alltagsproblemen seriös aus Belarus zu berichten, hat René Martens/uebermedien recherchiert.

Köln im Corona-Chaos

Zur Ehrenrettung deutscher Korrespondent*inn*en, die in Despotien wahrlich unter erschwerten, nicht selten auch gefĂ€hrlichen Bedingungen arbeiten mĂŒssen, wechsle ich nun zu den ahnungslosen FĂŒhrungskrĂ€ften im Inland. Die These, dass das Corona-Virus alte, schon lange bestehende MissstĂ€nde “nur” sichtbarer macht, ist auf bisweilen furchtbare Art und Weise wahr. Claudia Hennen/DLF ist eine der wirklich starken Reporterinnen in unserer Region, und wenn Sie wie ich keine Schulkinder haben, und es nicht sowieso schon wissen, dann zieht Ihnen das, was Frau Hennen heute aus dem Kölner Corona-Schulbetrieb berichtete (Audio 6 min) die Schuhe aus. Kann aber auch nicht mehr wundern. Insbesondere die Chefinnen und Chefs von Politik und Verwaltung leben in Parallelwelten, in denen sie so halluziniert werden, dass sie zur politischen und MenschenfĂŒhrung, zur Übernahme von Verantwortung und zu energischem Dazulernen mittlerweile mehr oder weniger komplett ausserstande sind. Und zwar bis ganz “oben”, besonders da.

Kanzlerkandidaten-Warn-APP

Darum können wir der Redaktion von extra3 (NDR) nur dankbar sein, dass dort eine Kanzlerkandidaten-Warn-APP programmiert wurde. Es gibt wohl gegenwĂ€rtig kaum Wichtigeres, als denen erfolgreich aus dem Weg zu gehen. Jetzt fehlt nur noch eine Lösung fĂŒr dieses kleine Problem. Was hat denn die Merkel noch so vor?

1 Kommentar

  1. Roland Appel

    Ich habe dieses Russland-Feature auch mit wachsendem Entsetzen gehört. Zwei Dinge stören mich am meisten: Die solchen Schreiberlinge registrieren ĂŒberhaupt nicht, wie die russisch geprĂ€gte Migrationsgesellschaft tickt – die Putzhilfe meiner Freunde und die Familie meines derzeitigen “Schwiegersohns” sind mir ein zuverlĂ€ssiger Gradmesser. Die Corona-Impfung, die außenpolitischen Schritte an der Krim werden dort völlig anders wahrgenommen, als vom Mainstream – selbst von Rußlanddeutschen, die unter der UdSSR gelitten haben. Und Putin hĂ€lt in ihrer Wahrnehmung die Oligarchen eher in Schach, als dass er gut Freund mit ihnen ist. In Zeiten, in denen eine neue Entspannungspolitik dringend erforderlich wĂ€re, wird es nicht einfacher und jemand wie Maas ist da ein 100%iger Ausfall.

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