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Boris Johnson – Ich traue ihm nicht

Boris Johnson erklärt auf zwei kurz hintereinander folgenden Pressekonferenzen, dass es eine Virusvariante in Südwest-England gebe, die angeblich “70% ansteckender” als der bisherige Virus sei. Die EU-Staaten haben daraus die Konsequenz gezogen und die Flugverbindungen gekappt, die Häfen geschlossen, Hovercraft ausgesperrt und Channel Tunnel gesperrt. Nun gibt es die kilometerlangen Schlangen von LKW an der englischen Südküste, die erst für den 31.12.2020 vorhergesagt waren. Der Virologe Professor Drosten, dem ich traue, hat recht kühl und gefasst auf die Meldungen reagiert, die Mutation sei nicht unbedingt vorteilhaft für das Virus, die Frage der Ansteckung sei wissenschaftlich mit keinen Daten belegt, man müsse erst einmal die Daten auswerten und es sei unwahrscheinlich, dass die von Johnson genannte Zahl gemessen sein könne, es handle sich eher um eine Spekulation. Das würde ins Bild passen.

Nein, ich hänge keinen Verschwörungserzählungen an, aber ich schätze Boris Johnson ebenso wie Donald Trump als gewissenlosen, machtgeilen Demagogen und Lügner ein, dem keine taktische Finte zu billig ist, um von seiner Verantwortung für das Gesundheitschaos durch Leugnung der Gefährlichkeit des Virus und seiner Verantwortung für das Brexit-Chaos abzulenken. Drosten hingegen ist ein seriöser Wissenschaftler, der bar jeder politischen Ränkespiele sein Fachurteil abgibt.

Boris Johnson verzögert mutwillig ein Wirtschaftsabkommen mit der EU, wie es scheint, um doch noch einen No-Deal-Brexit zu provozieren, die der extremistische Flügel der Tories sowieso fordert. Ist es da nicht mehr als naheliegend, wenn er die Verantwortung für das Grenzkontroll- und Zollchaos, von dem die Grenzen aufgrund seines “Brexit” übel betroffen sein werden, versucht, als “Schwarzen Peter” den anderen EU-Ländern zuzuschieben?

Bisher hat Boris Johnson immer versucht, die Corona-Situation im Vereinigten Königreich zu verniedlichen, seine Verantwortung für die massenhaften Infektionen im und um den NHS herunterzuspielen und klein zu reden, gleichwohl sein Land um jeden Preis in den harten Brexit zu treiben. Die EU ist ihm hierbei nicht auf den Leim gegangen. Nun versucht er plötzlich, völlig atypisch Verantwortung zu beweisen, die EU vor einer vermeintlich gefährlichen Virusvariante zu warnen, die aus Sicherheitsgründen natürlich Maßnahmen zur Grenzabschottung treffen muss, unabhängig davon, ob das wissenschaftliche Fundament einer solchen Quarantäne gesichert und die Maßnahme überhaupt angemessen sind. Wie glaubwürdig ist das denn?

Der Virologe Prof. Drosten erklärte dazu im Deutschlandfunk, dass man ohnehin davon ausgehen müsse, dass die seit September durchaus bekannte Variante des Virus längst nicht nur in Südafrika oder den Niederlanden, Spanien und Dänemark, sondern mit größter Wahrscheinlichkeit längst auch in Deutschland vorhanden sei. Er fand es befremdlich, dass nicht die zuständigen Fachstellen der Wissenschaft, sondern die höchsten Repräsentanten der Politik derartige Meldungen verkündeten – zumal mit wissenschaftlich nicht belegten Behauptungen wie einer angeblich um 70% ansteckenderen Variante des Virus.

Bei aller Vorsicht in solchen Situationen – ich will die schnelle Reaktion von Jens Spahn und anderen Europäischen Gesundheitsministern, Landeverbote und Grenzschließungen gegenüber dem United Kingdom zu verhängen, überhaupt nicht kritisieren, denn Sicher ist Sicher – ich hätte ebenso gehandelt. Aber ich persönlich traue dem Spieler Boris Johnson durchaus zu, diese Karte gezogen zu haben, um sich aus der Zwickmühle zwischen dringend notwendigem Wirtschaftsabkommen mit der EU im Interesse seines Landes und seiner eigenen ideologischen Verblendung, sowie dem Wahn seiner Brexiteers von der absoluten, anarchistischen Souveränität Britanniens zu befreien. Sich einen Moment der Entlastung und Ablenkung von eigener schwerer Verantwortung zu verschaffen.

Johnson ist kein Churchill, der seinem Volk außergewöhnliche Belastungen abverlangt, indem er sie begründet, um Freiheit, Demokratie und Kultur in Europa zu bewahren – deshalb seien Blut, Schweiß und Tränen nötig. Johnson ist ein Scharlatan. Ein politischer Spieler und Hasardeur, der seinem Volk bedenkenlos Arbeitslosigkeit, Rezession, Klassenkämpfe und internationale Isolation zumutet, um seine und die von den Brexiteers gepflegten nationalistischen, elitären Träume von der Wiederherstellung eines imaginären britischen Empire aufrecht zu erhalten. Johnson ist das mickrige, verantwortungslose und kleinbürgerliche Abziehbild eines Populisten, der träumt, dass ihm die EU nach dem Austritt des Vereinigten Königreichs erlaubt, in der EU nach seinen eigenen Regeln tätig zu sein.

Er träumt davon, Dienstleistungsunternehmen in die EU entsenden, die sich nicht nach Arbeitsschutz- Lohn- und Sozialstandards richten müssen, er möchte LKW-Flotten in die EU schicken, die sich nicht um Mindestlöhne, Lenkzeiten und Sicherheitsstandards der EU scheren müssen. Und er wird dabei unterstützt von Kreaturen wie Unternehmer Rees-Mogg, MP der Tories, der im britischen Unterhaus den coolsten Brexiteer mimt, während er seine eigenen Unternehmen längst in Irland unter dem Schutz der EU in Sicherheit vor dem Brexit gebracht hat. Wie dummdreist können ein Premierminister und seine Clique sein, dass er glaubt, dass sich die EU das bieten lassen sollte?

2 Comments

  1. Maria Heider

    Danke, Ronald,
    Ich hätte es nicht besser sagen können. Wütend, frustriert und tieftraurig. Dennoch auf diesem Wege Dir ein virenfreies, ruhiges Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr mit hoffentlich besseren Perspektiven. Ich bin mittlerweile umgezogen und wohne im schönen Bad Orb in Hessen…. ein Kurort, der durchaus eine Reise wert ist :-)
    Liebe Grüsse Maria

  2. Maria Heider

    PS: blödes Rechtschreibprogramm!

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