Von André Dahlmeyer/ Kolumne “Latin Lovers”/Junge Welt
Zwei vom gleichen Schlag: Zwischen Gianni Infantino und Mauricio Macri passt es

Einen wunderschönen guten Morgen! Als am 13. März die ersten Spiele der zum zweiten Mal ausgetragenen »Copa de la Superliga«, des neu geschaffenen argentinischen Ligapokals, angepfiffen wurden, war niemandem klar, dass die Freude nicht lange andauern würde. Gespielt wurde in zwei Zwölfergruppen, die Resultate sollten mit denen der Superliga 2019/2020 addiert werden, um die Teams zu ermitteln, die neben Meister Boca Juniors in den internationalen Wettbewerben starten würden. Überdies galt es, drei Absteiger in die B Nacional, die 2. Liga der Silberländer, zu finden.
Zehn der zwölf Matches des ersten Spieltags wurden ausgetragen. Einzig River Plate bewies mit Blick auf die Pandemie Rationalität und weigerte sich anzutreten. Die Begegnung zwischen Defensa y Justicia und Estudiantes de La Plata wurde verschoben, weil für erstere ein Termin in der Copa Libertadores bevorstand. Zunächst wurde die Copa dann unterbrochen, ehe der Rechtevermarkter sie Ende April für beendet erklärte und also einstellte. Was folgte, waren fast acht Monate fußballfreie Zeit in der Republik Argentinien mit mittlerweile fast 36.000 Seuchentoten (Argentinien hat etwas mehr als halb so viele Einwohner wie die deutsche Bundesrepublik).
Am 30. Oktober, dem 60. Geburtstag von Diego Armando Maradona, rollte der Ball wieder. Von einigen wird Maradona für Gott gehalten. Er ist allerdings nach eigenen Angaben wütend auf Gott, seit Doña »Tota«, Diegos Mutter, in den Himmel gekommen ist. Am Donnerstag jährt sich ihr Tod zum neunten Mal.
Die spielfreie Zeit hat der argentinische Fußballverband AFA clever und smart dazu genutzt, die Superliga abzuschaffen. In der Calle Viamonte (Sitz der AFA) hat man gerne selbst die Pranken auf dem Bakschisch der heimischen Fußballindustrie. Die Superliga war vor etwa drei Jahren auf Grundlage eines Deals zwischen FIFA-Präsident Gianni Infantino und Argentiniens damaligem Staatspräsidenten Mauricio Macri eingeführt worden, mit dem Ziel, die argentinischen Klubs allesamt in Aktiengesellschaften umzuwandeln. Der Konservative Macri sorgte während seiner Amtszeit etwa dafür, dass die Strompreise um mehrere tausend Prozent stiegen. Der völlig begeisterte Infantino soll Macri nach dem Deal als Dankeschön und für den Fall, dass er nicht wiedergewählt würde, den Posten als Präsident der FIFA-Stiftung feilgeboten haben. Der »korrupteste Argentinier aller Zeiten« (Volkes Stimme) an den Fleischtöpfen der FIFA? Passt. Macris soziales Engagement als Präsident konnte sich sehen lassen: Er bekämpfte die öffentliche Bildung und schaffte das Gesundheitsministerium ab. Übrigens hat Infantino Wort gehalten – seit Anfang des Jahres ist Macri geschäftsführender Präsident der FIFA-Stiftung, wo er seinen Kumpel Gianni ablöste.
Das mit den Aktiengesellschaften aber ist vorerst gescheitert. Die argentinischen Vereine gehören nach wie vor ausnahmslos ihren Mitgliedern und haben eine immens wichtige soziale Funktion in den Barrios. Viele stehen allerdings am Rande des Ruins, und eine Pandemie ist da nicht hilfreich.
Die Superliga heißt nun »Liga Profesional de Fútbol Argentino« (LPF) und der Ligapokal – nicht zu verwechseln mit der Copa Argentina – »Copa de la Liga Profesional«. Er wurde in sechs Vierergruppen gestartet. Je ein Team qualifiziert sich für die Copa Libertadores und die Copa Sudamericana. Das Finale soll am 17. Jänner kommenden Jahres steigen.
Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus der Jungen Welt vom 18.11.2020, mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag. Zu den aktuellen Absurditäten im europäischen Spitzenfussball lesen Sie hier Christian Spoo im Gladbach-Fanblog Seitenwahl.

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