Von Dortmund bis Arabien
Nichts ist mehr sicher. Karrieren lassen sich nicht mehr planen. Jede Chance, die sich unter den aktuellen Umständen noch bietet, muss sofort genutzt, darf nicht aufgeschoben werden. Denn je länger es noch dauert, um so fürchterlicher wird die Postcorona-Zeit werden. Alles wird umgegraben, vieles wird auf der Strecke bleiben.
Der Fussballlehrer Marco Rose ist ein intelligenter Kerl. Unter Präcorona-Umständen hätte er seinen Vertrag bei Borussia Mönchengladbach erfüllt, mit einiger Wahrscheinlichkeit mit irgendeinem schönen sportlichen Erfolg. Wahlweise – erneute CL-Qualifikation, Pokalsieg, Sensationserfolg gegen ManCity – hätte einer gereicht, damit er mit ehrenden Angedenken aus dem Kaff, das ausser Fussball “nichts” hat, verabschiedet worden wäre. Doch Rose ist nicht doof, er kennt das Geschehen, und dürfte noch weit besser informiert sein als ich. Und hat sich, besser heute als übermorgen, von der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA abwerben lassen, die ich spätestens seit Marco Reus westfälische Bayern nennen sollte.
Der beim BVB sich ähnlich wie Freddie Röckenhaus/SZ einbettende Daniel Theweleit meint in einem bei der FAZ in der Paywall eingemauerten Kommentar, Rose erwarteten in Westfalen grosse Freiheiten, weil dort 2022 die Verträge der kompletten Konzern-Führungsriege auslaufen. Da wird sich der Rose aber freuen, dass er sich dann um alles selber kümmern soll. Das hat am Ende bekanntlich sogar den Lokalheiligen Jürgen Klopp überfordert und zur Flucht veranlasst.
Der BVB laviert ähnlich wie meine Borussia zwischen dem Himmel des unermesslich aus Arabien, den USA und China fliesenden Entertainment-Kapitals – die gegenwärtige abstruse Champions-Leaue-Saison als eine Art Aufstiegsrunde – und einer Führungsposition in der regionalen Provinz. Die Fans wären mit Letzterem glücklich und zufrieden, und erweisen sich damit als die besseren Realist*inn*en. Die Führungskräfte dagegen erweisen sich als gelehrige Schüler des real existierenden Kapitalismus: Stagnation ist Rückschritt, Wachstum und Expansion die einzige Rettung.
Der Herr DFL-Seifert lässt sich als scharfer Kritiker zitieren. Allein mir fehlt der Glaube. Es handelt sich um Austeilen gegen bedrohlich schwankende Konkurrenz; nicht um alternative Wege zu beschreiten, sondern um ihre Plätze einzunehmen.
Unruhe an der Kapitalquelle Arabien
Früher bekam Europa von dort Öl. Das braucht es nun immer weniger. Die Reichtumsballung in seinen verbrecherischen Feudalkasten ist attraktiver als Zapfsäulen. Als Gegenleistung wird ihnen von Mordtechnologien (aber auch nützliche, wie Eisenbahnen z.B.) bis zum Fussballentertainment alles zum Kauf angeboten. Doch wie stabil ist dieser Kundenstamm?
Der Jemenkrieg könnte sich jederzeit über die Region ausbreiten. Die Netanyahu-Regierung Israels spielt eine beständig undurchsichtige Rolle, auf der anderen Seite das iranische Mullahregime, Atomkrieg jederzeit möglich. Die Biden-Administration scheint die Probleme zu erkennen, die der von den Saudis ökonomisch abhängige Amtsvorgänger angerichtet hat.
In der FAZ-Paywall wird eine alte Geschichte über eine Dubai-Prinzessin reanimiert. Sie zeigt, wie derangiert die herrschende Klasse des Empires agiert, die das über britische Geheimdienste durchstechen liess. Es handelt sich um einen Disziplinierungsversuch gegenüber dem Dubai-Herrscher Maktoum, der selbst nach einer von ihm selbst angerichteten Staatspleite ein Abhängiger des VAE-Bosses al Zayed (MBZ) ist. Der wiederum sich seit geraumer Zeit als Jemenkriegs-Verbündeter der Saudis als Realo-Stratege zu emanzipieren versucht. Jede dieser zwielichtigen Figuren besitzt beträchtliche Kapitallatifundien im europäischen Profisport (MBZ z.B. den Gladbach-Gegner ManCity).
Und im deutschen Fussballkapital wollen sie die Vereinssatzungs-Türen öffnen, um all das endlich hereinfliessen zu lassen. Wenn es überhaupt ein Postcorona geben wird, dann wird es kein Halten mehr geben.
Dann geht der Klassenkampf von oben erst richtig los.