Niedergehende Imperien sind besonders gefährlich. Sie schlagen brutal um sich, mit abnehmender Rücksicht auf Verluste. Die USA sind so ein Fall, und das britische Empire erst recht. Letzteres wirkt auf mich dabei geringfügig sympathischer, wegen seines weit besser ausgeprägten Stilbewusstseins, und der weit grösseren Fähigkeit zur Selbstironie. Arte bietet zwei Perlen, die parallel oder direkt hintereinander genossen werde sollten, um das zu verstehen.

Ich lobte hier schon aus meiner Erinnerung die britische Originalversion von House Of Cards. Wenn ich berücksichtige, dass die Reihe schon 1990 produziert wurde, komme ich nicht umhin ihre grosse prophetische Kraft zu würdigen. Wie konnte das gelingen? Der Autor Michael Dobbs war selbst als Spindoktor der Tories, ein Ingenieur mitten im Organismus des von ihm beschriebenen Teufels. Entsprechend werden die Innereien des politischen Systems, Ähnlichkeiten mit unserem deutschen sind nicht zufällig, nach aussen gekehrt. Und wären nicht alle so perfekt gekleidet und mit der Softpower der Eliteumgangsformen ausgestattet, wäre es ein hässlicher Anblick geworden.

Da die handelnden Figuren fast allesamt aus meiner Perspektive Klassengegner sind, überwiegt beim Schauen die Schadenfreude. Ist es nicht übertrieben, den Liebschaften Francis Urquhart eine fiktiv-inzestuöse Note zu geben? Meine spontane Antwort wäre: Ja. Warum wurde sie dennoch reingeschrieben? Weil einer aus dem Hintergrund, aus der zweiten Reihe beim Betrachten seiner Rudelführer auf Projektionen angewiesen ist. Der Rudelführer kriegt ungerechterweise viele von den Weibern, die der Autor gerne selbst gehabt hätte. Um nicht selbst an diesem Minderwertigkeitskomplex zu ersticken, fügt er eine Note von perverser Schrecklichkeit hinzu.

Nicht übertrieben ist hingegen das inzestähnliche Verhältnis zwischen Politiker*inne*n und was-mit-Medien-Menschen. Das ist leider tatsächlich in den meisten Fällen so symbiotisch, dass es schädlich für eine Demokratie ist. Das wiederum ist den Handelnden verhältnismässig gleichgültig, weil sie, Drogenabhängigen ähnlich, Spass am Spiel mit der imaginierten Macht haben. Tatsächlich verwechseln sie da was. Sie sind selbst nur Spielfiguren des Systems.

Wenige wissen das so gut wie Rupert Murdoch. Er spielte damals schon mit. Und mir scheint, Autor Dobbs ahnte, wie die Geschichte weitergehen wird. Wie es tatsächlich lief, das zeigte Arte gestern mit einer dreiteiligen BBC-Produktion, deren deutsche Übersetzung korrekt “Der grosse Manipulator der Medien” geheissen hätte. Ich habe dort viele Details über die Familie erfahren, die politisch relevant sind. Sie deuten darauf hin, dass das Murdoch-Imperium, wie wir es bis hierhin kannten, den Alten nicht lange überleben wird. Er hat bereits ökonomisch relevante Teile – rechtzeitig! – teuer verkauft, und nur die direkten Propagandainstrumente behalten. Mit denen wird er bis zu seinem letzten Atemzug selbst spielen wollen – ganz wie die Figuren bei Dobbs (s.o.) alle den Zeitpunkt zum Loslassen verpassen.

So lange Murdoch lebt, wird er die BBC spätestens nach dieser Doku zu vernichten versuchen. Den richtigen Hampelmann in London hat er dafür. Den in Washington musste er zum Glück wechseln.

Es geht zuende. Das ist gut so. Möge es nicht zu viele Opfer kosten.

Das System, das murdochähnliche Imperien gebiert, lebt weiter. Es wird erst von der Klimakatastrophe gekillt. Oder noch rechtzeitig vorher von uns und unseren Nachkommen. Mehrere Generationen Zeit bleibt dafür nicht.