Die Ärztin Lisa Federle ist neben Boris Palmer das Mediengesicht des “Tübinger Modells”, von dem derzeit wohl niemandem klar ist, ob es nun propagiert werden soll, oder “der Lack abblättert”. Es ist wahrscheinlich beides Quatsch, weil Tübingen erstens zu klein, und zweitens schwäbisch ist, also eine fremde Kultur. Bei einem ihrer zahllosen Medienauftritte, einer der schwer zu ertragenden vormittäglichen Call-in-Sendungen des DLF, nannte Frau Federle beiläufig die Positivquote der in Tübingen zahlreich vorgenommenen Corona-Tests: 1 von 1.000.
Das erleichtert das Kopfrechnen ungemein. Bonn gibt heute 60 Infektionen an, immerhin 25 weniger als eine Woche zuvor. Sind die Donnerstage nach der statistischen Verzerrung durch die Feiertage vergleichbar? Keine Ahnung, schön wärs. Der Tübinger Quote zufolge müssten wir, rechnerisch angenommen alle Bonner*innen werden getestet, über 300 haben. Bundesweit müssten es nicht, wie heute gemeldet, rund 20.000, sondern über 80.000 sein. Diese Kopfrechnung ist statistisch wie das meiste, was derzeit auf uns einprasselt, ohne Wert. Sie vermittelt aber eine Ahnung von der möglichen Dunkelziffer. Viele Infizierte sind symptomfrei, haben also keinen Anlass sich testen zu lassen (ausser in Tübingen s.o.), und gehen also nicht zum Arzt – dort könnten sie sich ja anstecken!
So drehen sich die Blindflüge im Kreis. Während sie sich bei den Politiker*inne*n angesichts der aktuellen Kandidat*inn*enaufstellungen in den Parteien, der Kanzler*innen*kandidaturen und der damit verbundenen Nachrichten- und Gerüchtegeilheit des Medienmarktes verselbstständigen, und permanent von wissenschaftlichen Erkenntnissen, sofern sie überhaupt erhoben werden, ablösen.
Soziale Begebenheiten, Kommunikation oder gar Dynamiken sind nun seit über einem Jahr abgeschaltet. Die Durchsetzung digitaler Techniken ist zwar sinnvoll, aber kein Ersatz. Sie sind ein mühseliger Versuch, Strukturen, die es vor Pandemieausbruch gab, zu konservieren. Neue können nicht entstehen, allenfalls in schon vorgegebenen Blasen. Auch was die herrschende Politik und die traditionellen Medien veranstalten, ist nicht mehr als eine Simulation. Die Studien, die ihnen nachweisen, dass sie selbst auch nur eine Blase sind, sind Legion.
Bei den nun noch radikaler individualisierten Individuen spielen sich dagegen stille und massenhafte Katastrophen ab. Wieder muss ich ein Religionsmagazin loben, das ich mir, weil ich zu antriebslos zum Aufstehen war, im Bett angehört habe. Es ging glücklicherweise weniger um Theologien, sondern Psychotherapie und Psychiatrie. Frank-Gerald Pajonk, eine Ex-Mönch, und das, was wir in den 60ern und 70ern noch “Irrenarzt” genannt hätten, sprach aus der Praxis. Was er beschrieb, kann ich aus Lebensbereichen, die sich noch weit vor dem Aufsuchen eines Wartezimmers befinden, bestätigen. Es handelt sich um ein Massenphänomen, das medial nicht ausgeleuchtet wird – ausser im DLF-Religionsghetto (Kompliment an die Redaktion!) – und tiefe Spuren in unserer Gesellschaft zieht, die von Demoskopie kaum erfasst werden.
Die gewählten Politiker*innen haben überhaupt keine Zeit, und nehmen sie sich auch nicht, das wahrzunehmen und strategisch zu verarbeiten. Sie reagieren mit Reflexen auf Medienstimmungen. Da kommt derartiges nicht vor, weil es weder unterhaltsam ist, noch (gute) Stimmung verbreitet. Es bleibt bei den Betroffenen innen, und macht deswegen so krank. In der Debatte über Depressionen war die Gesellschaft schon weiter. Da bulldozert jetzt das Coronavirus und die Coronapolitik drüber.
Je länger das andauert, umso mehr nähert sich der gesellschaftliche Schaden den Kriegstraumata der Vergangenheit an. Eine demokratische Partei, die sich analytisch und strategisch damit beschäftigt, ist mir nicht bekannt. So entstehen neue Märkte für “Querdenker*innen” und Faschos.