von Marion Lühring und Petra Welzel
Gesundheitswesen — Immer mehr Pflegekräfte kehren ihrem Beruf den Rücken zu

Die Politik hat viel versprochen und fast nichts gehalten. Es wurde geklatscht, verdient haben andere, nicht die Pflegekräfte. Ein paar CDU-Politiker haben sich dabei noch die Taschen vollgestopft, sie kassierten sechsstellige Provisionen für die Vermittlung von Maskenverkäufen. Für die Pflegebeschäftigten gibt’s nur warme Worte, aber keine Entlastung. So verliert der Pflegeberuf weiter an Anreiz.

Seit über zwei Jahrzehnten ist am Pflegepersonal gespart worden. Überlastungsanzeigen gehören längst zum Pflegealltag. “Wir haben Bedingungen geschaffen, die den Beruf für viele nicht mehr erträglich machen”, sagte unlängst Heinz Rothgang, der an der Universität Bremen zu Gesundheit, Pflege und Alterssicherung forscht, der Tagesschau. Die Pflegekräfte haben die Nase voll. Seit einem Jahr schuften sie weit über ihre Kräfte hinaus, ihre Belastung ist noch einmal doppelt so hoch. Zudem: Sie tragen ein erhöhtes Risiko an Covid-19 zu erkranken und daran zu sterben.

Das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, ist laut Auswertungen der Techniker Krankenkasse für Beschäftigte in Pflege-, Sozial- und Gesundheitsberufen besonders hoch: Während im Durchschnitt von 100.000 Erwerbstätigen in Deutschland nur knapp 500 aufgrund einer Corona-Infektion krankgeschrieben wurden, waren es bei ambulanten und stationären Altenpflegekräften mit gut 1.200 mehr als doppelt so viele. Ihnen folgen Kita-Beschäftigte, Krankenschwestern und -pfleger. Unter den besonders betroffenen Berufsgruppen sind auch Ergo- und Physiotherapeuten, medizinische Fachangestellte wie Arzthelferinnen sowie Sonderpädagog*innen und Ärzt*innen.
Exodus erwartet
Das heißt, vor allem Menschen in sozialen Berufen mit engem Kontakt zu anderen Menschen erhalten die Diagnose Covid-19. Und das sind überwiegend Frauen, da sie überproportional in diesen Berufen arbeiten. Dass sie jetzt den sozialen Berufen, vor allem in der Pflege, den Rücken kehren – niemand kann es ihnen verdenken.

Schon vor der Pandemie fehlten weltweit sechs Millionen Pflegekräfte. Corona hat die Lage verschärft. Laut dem Weltverband der Pflegekräfte, dem International Council of Nurses (ICN), sind mindestens 3.000 Pflegekräfte weltweit in 60 Ländern an Covid-19 gestorben, die tatsächliche Zahl ist vermutlich höher. Hinzu kommt, dass bis zum Jahr 2030 weltweit vier Millionen Fachkräfte in Rente gehen – bei insgesamt etwa 26 Millionen Pflegekräften ein zusätzlicher enormer personeller Verlust.

Der Verlust von 9.000 Pflegekräften in Deutschland im letzten Jahr scheint bisher auf normalen Entwicklungen zu beruhen. Momentan, in der dritten Pandemie-Welle, halten die Pflegenden noch pflichtbewusst durch. Doch rund 32 Prozent überlegen, nach Ende der Corona-Krise aus dem Beruf auszusteigen, heißt es aus der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin.

Der Weltverband der Pflegekräfte warnt gar vor einem Massenexodus. Viele Pflegekräfte seien bis zur körperlichen und geistigen Erschöpfung getrieben worden. ICN-Chef Howard Catton spricht sogar von einer “Massentraumatisierung”. Aufhalten ließe sich das laut ICN nur durch eine bessere Bezahlung der Pflegekräfte und durch deutlich bessere Arbeitsbedingungen. ver.di hat zur Entlastung der Pflegekräfte zusammen mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft und dem Deutschen Pflegerat schon vor über einem Jahr ein Instrument zur Personalbemessung (PPR 2.0) vorgelegt.
Elf Millionen Pflegekräfte gesucht
Aktuell fehlen allein in der Altenpflege laut einem Gutachten der Universität Bremen im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums 120.000 Pflegekräfte. Medienwirksam hat Gesundheitsminister Jens Spahn (ebenfalls CDU) schon 2019 in Mexiko eine Vereinbarung unterschrieben, die es erlaubt, Pflegekräfte schneller von dort nach Deutschland zu holen. Laut Ärztezeitung belegen EU-Studien, dass allein in der Europäischen Union bis 2030 elf Millionen zusätzliche Pflegekräfte benötigt werden. Das Anwerben auf Kosten der ärmeren Länder wird also weitergehen. Doch das darf nicht die Lösung sein, sie werden ja auch dort gebraucht.

Wir brauchen hier für die in der Pflege fehlenden und wohl schon bald aus der Pflege flüchtenden Kräfte bessere Arbeitsbedingungen. ver.di fordert sie seit 20 Jahren immer wieder und hat zuletzt in der Tarifrunde bei Bund und Kommunen vor allem für die Pflegekräfte höhere Löhne durchgesetzt. Die bundesweite Ausweitung des Tarifvertrags Altenpflege, auf den sich ver.di mit der Bundesvereinigung der Arbeitgeber in der Pflegebranche schon Ende 2020 verständigt hatte, hat Ende Februar ausgerechnet die katholische Caritas verhindert.

Fest steht: Die Beschäftigten brauchen Entlastung durch mehr Personal, egal ob im Krankenhaus oder im Pflegeheim, das sich eben nur findet, wenn die Löhne entsprechend sind. Und sie brauchen eine Politik, die ihre Versprechen einhält und sich nicht noch an den Folgen der Pandemie bereichert.
Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ver.di-publik, mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Der Herausgeber des Beueler Extradienstes ist ver.di-Mitglied.

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