mit Update 7.6.
Arte zeigte gestern, was bei der Aufklärung alles falsch laufen kann
Laut Wikipedia soll das Missverständnis, das sich in dem veralteten Rechtsbegriff “besonderes Gewaltverhältnis” ausdrückt, seit einer Habilitationsschrift von 1967 nicht mehr up to date sein. Dem widersprach jedoch meine Schulzeit, die erst 1976 endete. Die elterliche Gewalt wurde sogar erst 2000, als wenn es gestern gewesen wäre, eingeschränkt. Was ist heute neu? Die Leichen in den Kellern und Gärten werden ausgegraben. Die Traumatisierungen und Gewalterfahrungen der Kriege vererbten sich über viele Jahrzehnte bis nah ans heute. Erst jetzt ermächtigen sich immer mehr Opfer zu sprechen, eine lang erwartete Revolution beginnt, langsam.
Während in der Tagesschau ein Tränen performender Präsident Trudeau abgebildet wurde, der in seinem präsidentiellen Elternhaus diesbezügliche Debatten und Streitereien als aufgeweckter Junge mitbekommen haben müsste, arbeitete eine Arte-Doku einen irre ähnlichen Fall auf der Kanalinsel Jersey auf. Neben der real existierenden Grausamkeit der allerjüngsten Vergangenheit hält er zahlreiche weitere Lehren bereit. Regisseurin Camilla Hall zeigte auch jene Politiker, denen das Ansehen der Insel in der Welt, sowie ihr Steueroasen-Geschäftsmodell, wichtiger war, als die Aufklärung grausamer Verbrechen an Heimkindern. Sie zeigte nebenbei auch, wie hinderlich eine freidrehende Boulevardpresse bei der Qualitätssicherung der Polizeiarbeit war. Die Opfer und Journalist*inn*en, die an Aufklärung in der Sache mehr interessiert waren, als an kurzlebigen Sündenbock- oder Hexenverbrennungen, wurden vom System ausgeschissen, und mussten sich selbstständig machen. Einigen gelang so ein Akt autonomer Emanzipation, andere flohen in Drogen und Selbstmord, bei manchen kam “alles” zusammen. Ein sehenswertes Werk, das viele Lehren bereithält für zukünftige Enthüllungen ähnlicher Art, von denen es noch sehr viele geben wird.
Das verdeutlichte der Folgefilm “Kindesmissbrauch im Spitzensport”, eine klassisch ungelenke deutsche Übersetzung von “Violences sexuelles dans le sport, l’enquête”, was zutreffender sexualisierte Gewalt heisst. Ausnahmsweise mal ein Werk auf dem deutschen Medienmarkt, das nicht von der emsigen Andrea Schültke ist. Pierre-Emmanuel Luneau-Daurignac zeigt, dass das Verbrechen weltweit verbreitet ist und kaum eine Sportart auslässt. Eltern, die ihre Kinder im Sport zurichten lassen wollen, müssen mindestens so kritisch hinsehen, wie in jede Kita oder Schule. Und gefährlicher als im dunklen Stadtpark ist es allemal.
Die publizistische Hetzjagd auf einzelne Täter*innen ist der ständige Versuch der Abspaltung. Das Ungeheuer in einem und der Gesellschaft selbst, wird als Fremdkörper ausgeschissen, als das “andere, fremde”, auf dass sich die unentdeckten Täter*innen besser fühlen. Der Emanzipation der Opfer ist noch viel Erfolg zu wünschen, uns als Gesellschaft und Staat an diesem billigen Notausgang zu hindern.
Update 7.6.: Carolin Kebekus kann auch unlustig, aber faktensicher. Warum machen Staatsanwaltschaften ihre Arbeit nicht? (Video 20 min) Rechtsstaat, bitte melden!