Die Dialektik von optimierter Kompetenz und lustvollem Genuss
Nein, es ist keine Religion, und sollte auch keine werden. Das wird schnell klar in dem DLF-Kultur-Feature von Tina Hüttl: “Ernährung als Statussymbol – Du bist, was du isst”. Ideolog*inn*en und Missionar*inn*en sollte mann und frau von seinem*ihrem Essen und Trinken fernhalten, wenn es ein Genuss werden soll. Doch damit es das wirklich werden kann, sind hohe Investitionen erforderlich: in Erzeuger*innen, Verarbeiter*innen, empathischen Service und Wohlfühlambiente. Dahinter steckt sehr viel Wissenschaft und Arbeit. Wer geniessen will, muss das wertschätzen.
Das wurde mir klar, als ich mir Frau Hüttls Vita anschaute, ein vermintes Thema, wie alle wissen, die das politische Geschehen hierzulande interessiert. Bei Frau Hüttl war meine erste an mich selbst gestellte Frage: wie ist bei derartiger Selbstoptimierung ihrer Aus- und Fortbildung Lust und Genuss überhaupt möglich?
“Freie” Journalistinnen führen in unserem Mediensystem ein aussergewöhnlich hartes Leben, selbst in Erfolgsphasen begleitet von ständiger materieller Unsicherheit, vor allem wenn das “schwer vermittelbare” Alter erreicht wird. Da ist es wichtig, eine Marktlücke zu identifizieren, und konkurrenzstark zu besetzen. Genau das wird bei Frau Hüttls Vita sichtbar. Was sie bei DLF-Kultur abgeliefert hat, war folgerichtig tadellos. Vieles wichtiges drin, gut ausgeleuchtet, auf dem aktuellen Stand der Debatten. Auch die “Botschaft” korrekt – ich habe nichts dran auszusetzen. Zu perfekt vielleicht?
Nun ja, gute Biobauern und -bäuerinnen müssen das auch sein, verrückt geradezu, in ihre Aufgabe, ihre Tiere und ihren Acker verliebt. Ebenso die Verarbeiter*innen, Metzger*innen, Biomärkte. Der Beueler Momo brummt, weil seine vielen Dutzend Beschäftigten ihre Arbeit in dem festen Glauben tun, es sei – unter anderem! – für eine gute Sache. Und das sind u.a. wir, die Kund*inn*en. Dito beim Bistro Odeon, mit dessen Betreiber*nne*n ich längst Freundschaft geschlossen habe. Sie machen ihre Arbeit, weil sie sie – auch, und sicher nicht immer – lieben. Das ist im Kapitalismus selbstverständlich weiter entfremdete Arbeit, insbesondere weil in der Kundschaft nicht wenige Bekloppte sind. Meine Kunst in diesem Bild ist, ein respektvoller, freundlicher und kritischer Gast/Kunde zu sein. Die Arbeit, die ich dort abkaufe, ist wertvoll. Und muss gerecht bezahlt werden. Das ist teuer. Aber das ist es wert, weil es mein Leben besser macht.
Am Kapitalismus ist u.a. schlecht, dass sich das selbst in unserem reichen Land viele nicht leisten können. Ich habe kein Auto, keine Kinder, die Wohnung ist abbezahlt. Nur darum reicht meine Rente.