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Seveso in Leverkusen?

Schon der verharmlosende Name “Chempark” ist ein Skandal: der Ort, wo vorgestern eine Giftgasexplosion bisher unbekannten Ausmaßes stattfand, ist eine extrem gefährliche chemische Giftstoff-Verbrennungsanlage. In den siebziger Jahren wurden solch gefährliche Substanzen auf Hochtemperatur-Verbrennungsschiffen mitten auf See verbrannt, die Fische mit den Abgasen die aufs Meer niedersanken, vergiftet. Inzwischen ist das verboten und deshalb stehen diese Verbrennungsöfen mit vielfacher Rauchgaswäsche und -Filterung mitten in unseren Städten – die in Leverkusen etwa neunhundert Meter vom nächsten Wohngebiet entfernt.

Einunddreißig Verletzte, zwei Tote und fünf Vermißte sind die “Strecke”, die die Chemieindustrie bisher verblasen kann. Dass diese Anlage mitten in dicht bewohntem Gebiet liegt, hat eine spezielle Tradition: Sie steht auf einer in den 90er und 2000er Jahren mit viel Beton versiegelten Giftmülldeponie in der Dhünnaue, auf der seit 1922 Giftmüll abgeladen wurde und über der nun die neue Leverkusener Autobahnbrücke gebaut wird.

Dass mehr als 24 Stunden nach dem Chemieunfall bei den verantwortlichen Betreibern der Anlage angeblich immer noch niemand wusste, was da gelagert wurde, welche Stoffe explodiert oder besser verpufft sind, ist inakzeptabel. Genauso wie die offensichtliche Unkenntnis der Behörden, die solche Anlagen genehmigen und zu überwachen haben – in diesem Falle die Regierungspräsidentin von Köln, Gisela Walsken, das Ladesamt für Umwelt und das Landesumweltministerium von Ministerin  Ursula Heinen-Esser. Der Fall erinnert in seinem Verlauf an Szenarien, wie die Umweltkatastrophe von Seveso, ohne dass es sich zwangsläufig um dieselben tödlichen Substanzen handeln muss, die damals freigesetzt wurden. Aber allein die Unsicherheit darüber spricht Bände.

Denn seither hat sich viel europaweit geändert. Es gibt strengere Auflagen für die Chemiemüllverbrennung und es gibt Umweltauflagen, die eingehalten werden müssen. Im Falle Bayer Leverkusen und seiner diversen Subunternehmen am betroffenen Standort scheint es weder Transparenz, noch klare Verantwortlichkeiten zu geben. Was wissen wir bisher über die Substanzen? Dioxin, PCBs (Polychlorierte Biphenyle) organische Kohlenwasserstoffe und sogar radioaktive Substanzen sollen in den drei explodierten Tanks in der Chemieabfalldeponie zusammengeschüttet und gelagert worden sein. Das nordrhein-westfälische Landesumweltamt (Lanuv) geht nach der Explosion in der Leverkusener Giftmüllverbrennungsanlage von “Dioxin,- PCB- und Furanverbindungen” aus, die über die Rauchwolke in umliegende Wohngebiete getragen wurden.

Da aufgrund der restriktiven Informationspolitik der Betreiber – und der außerordentlich unengagierten Nachfragen von Journalist*innen – kaum Fakten bekannt sind, muss sich eine Bewertung vorrangig auf die engagierte Berichterstattung des WDR und seines tüchtigen örtlichen Korrespondenten Jochen Hilgers verlassen. In der Pressekonferenz der Betreiber wurden etwa die Fragen von Journalist*innen im Ton unterdrückt, der Vertreter der verantwortlichen Betreiberfirma für die Verbrennungsanlage, Currenta, Frank Hyldmar, wirkte so, als lese er brav die Zeilen vor, die im Katastrophenhandbuch für ISO 9001-zertifizierte Unternehmen vorgesehen sind. Was ist in Leverkusen wirklich passiert? Wieviel Dioxin ist ausgetreten? Wieviel giftige Substanzen wurden NICHT verbrannt, sondern lediglich in die Atmosphäre getragen? Wieviel tödliches Dioxin ist bei diesem Chemieunfall entstanden? Und wen bedroht es in welchem Umfang? Die Informationslage ist ein Desaster.

Polychlorierte Biphenyle (PCB) sind krebsauslösende Stoffe, die in Transformatoren, Weichmachern und vielfältigen Kunststoffanwendungen verwendet wurden, heute weitestgehend verboten sind und definiert bei mindestens 1.000° Grad Celsius verbrannt werden müssen, um  unschädlich gemacht zu werden. Wenn sie, wie die bisherigen Berichte über die Giftmüllverbrennungsanlage nahelegen, in einer Explosion oder Verpuffung, bei der selten über 600° C überschritten werden, aufgingen, ist eine weitestgehende Kontamination der Umwelt durch die entstandene Wolke höchst wahrscheinlich. Das trifft nicht nur Fensterbänke und aktuelles Gemüse:  Spielplätze, Wiesen, Felder, Sportplätze, Grundstücke – jede Art von Nutzfläche ist betroffen.

Dioxine und Furane sind in der Umweltchemie bekannte Stoffe, die verheerende Wirkungen, vor allem Langzeitwirkungen haben, weil sie sich auf die Nahrungskette auswirken und in Tieren und Menschen dauerhaft anreichern. Auch diese Stoffe sind seit den 80er Jahren wie auch PCBs und andere organische Lösungsmittel und Giftstoffe, vor allem deren Fluorverbindungen, als das wohl giftigste Erbe der Industrialisierung bekannt, das es gilt, aus den Produktionsketten zu entfernen und die Reste der Stoffe zu eliminieren. Allerdings bedarf es hierzu im Einzelfall Verbrennungsanlagen, die bis zu 1.200° Celsius und mehr erreichen, um die gefährlichen und überaus stabilen Molekülketten zuverlässig aufzubrechen.

Wenn es zutrifft, dass hier alle möglichen Substanzen – auch radioaktive – zu Chemiecocktails zusammengerührt wurden, um irgendwann in den Giftmüllöfen der Leverkusener Chemiemülldeponie verbrannt zu werden, ist das die Folge einer lebens- und umweltgefährlichen Praxis, von der zu hinterfragen ist, ob und wieso und auf welcher Rechtsgrundlage sie von den zuständigen Aufsichtsbehörden geduldet wurde. Es kann nicht sein, dass in Zeiten eines europaweit gültigen Akteneinsichtsrechts in Umweltdaten – also auch in die Notfalldaten der RP Köln zu Leverkusen – dieses Wissen zurückgehalten und nicht veröffentlicht wird. Noch zweifelhafter ist aufgrund dieser Gesetzeslage, wie es angehen kann, dass noch 48 Stunden nach der Katastrophe niemand mit Sicherheit zu wissen scheint, welche Stoffe da erst zusammengeschüttet und durch Brand und Explosion freigesetzt wurden.

Viele Anwohner*innen in der Nähe der Anlagen haben über Atemnot und schlechte Luft geklagt, in den Warnungen der Behörden heisst es aktuell, man solle auf Rußniederschläge im Garten, auf Fensterbänken oder Pflanzen achten und diese zu meiden. Das mit Verlaub bedeutet, dass die verantwortlichen öffentlichen Stellen gar nichts wissen, geradezu hilflos sind, was die mögliche Lagerung, Behandlung und Verbrennung  hochgefährlicher Chemieabfälle betrifft. Ein solches Horrorszenario mit dem verharmlosenden Namen “Chempark” zu titulieren, ist schon eine verharmlosende  Verschleierung an sich. Aufklärung oder Vertuschung? Rufen Betroffene von Kontaminierungen ihrer Gärten und Gebäude an, um die Schäden zu melden, erscheinen die verantwortlichen Täter, um den Fallout und damit Spuren ihrer Taten zu beseitigen? Rufen sie nicht die Hotline an, gehen sie nicht Gefahr, giftigste Substanzen ohne Wissen um ihre Gefährlichkeit zu  dulden und müssen die Folgen selbst tragen.

Bleibt die politische Frage, ob und inwieweit die chaotischen Verhältnisse in der Chemiemüll-Verbrennungsanlage in Leverkusen direkte Folge der gelb-schwarzen Regierung Armin Laschets sind. Das sogenannte “Entfesselungsgesetz” der Landesregierung hat zahlreiche Umwelt- und Industrieprojekte in NRW von Umweltauflagen befreit und wichtige Prüfungen für obsolet erklärt. Es wird spannend sein, zu untersuchen, ob dies auch im Falle der Giftmüllverbrennungsanlage geschehen ist.

Ein Kommentar

  1. Heiner Jüttner

    Bedauerlich, dass solche Anlasen und Bewertungen nicht in den Zeitungsmdien zu finden sind.

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