„Die Hohenzollern — ein klagefreudiges Adelshaus“, so titelte der SWR Mitte Juni einen Beitrag über die rund 70 Klagen, mit denen Georg Friedrich Prinz von Preußen in den letzten Jahren gegen Journalist/innen, Politiker/innen und Historiker/innen juristisch vorgegangen ist, meist wegen Kleinigkeiten wie umstrittener Behauptungen. Viel wesentlicher sind jedoch die Ansprüche der Familie Hohenzollern gegen den deutschen Staat auf Rückgabe mehrerer tausend Kunstgegenstände und auf Entschädigung wegen der Enteignung durch die Sowjetunion im Jahre 1945.
Von einem „Adelshaus“ kann jedoch nicht die Rede sein, auch wenn der Klageführende ein Ururenkel des letzten deutschen Kaisers ist. Adelige gibt es nämlich in Deutschland nicht mehr. Jahrhundertelang war es so: Wenn der Fürst einen Untertanen ehren oder belobigen wollte, gestattete er ihm, ein „von“ vor den Namen zu setzen. Oder er ernannte ihn zum Grafen, Freiherrn oder Baron (Frauen spielten damals keine Rolle). Das kostete nichts, und der Untertan war stolz und dankbar. Falls es sich nicht um einen persönlichen oder Amtsadel handelte, der sich auf die einzelne Person beschränkte, vererbte und vermehrte sich der Adel.
1919 war damit Schluss. Art. 109 der Weimarer Verfassung bestimmte, dass alle öffentlich-rechtlichen Vorrechte oder Nachteile der Geburt oder des Standes aufzuheben sind. Adelsbezeichnungen gelten nur noch als Teil des Namens und dürfen nicht mehr verliehen werden. Rund 60.000 Adelige waren betroffen.
Aus dem einen wurde also ein Herr Graf Lambsdorff, aus dem anderen ein Herr Freiherr zu Guttenberg. Irgendwie so, als wenn jemand Roman Herzog und Steffi Graf heißt. Laut einer Entscheidung des Reichsgericht dürfen die Ehefrauen den Namen Gräfin, Freifrau oder Baronin führen.
Die Anreden Eure Hoheit oder Durchlaucht gibt es nicht mehr. Wer sie dennoch verwendet, lebt in der Vergangenheit, hat keine Ahnung oder will sich einschmeicheln. Wenn Illustrierte oder der Adelsexperte des Fernsehens (den gibt es wirklich) über Adelshochzeiten und Adelsskandale berichten, dann fällt das fast schon in die Rubrik „fake news“.
Auch in Österreich wurde 1919 der Adelsstand aufgehoben, die Führung von Adelstiteln wurde verboten. Obwohl die Österreicher doch so schöne Titel hatten wie Edler, Ritter und Junker. Aus dem ehemaligen Thronfolger Erzherzog Otto von Habsburg wurde der Bürger Otto Habsburg. Wer früheren Zeiten nachtrauert und die alte Anrede benutzt, bleibt ungeschoren. Bekanntlich ist Österreich ohnehin sehr titelfreudig. Da wird aus dem Assessor rasch ein Geheimrat, aus dem Lehrer ein Professor, aus dem Diplomierten ein Doktor und aus dem Handwerker ein Ingenieur.

Über den/die Autor*in: Heiner Jüttner (Gastautor)

Der Autor war war 1984 bis 1991 Ratsmitglied der Grünen in Aachen, 1991-98 Beigeordneter der Stadt Aachen. 1999–2007 kaufmännischer Geschäftsführer der Wassergewinnungs- und -aufbereitungsgesellschaft Nordeifel, die die Stadt Aachen und den Kreis Aachen mit Trinkwasser beliefert.