Die Wettmafiosi zeigen demonstrativ: “Ich hab’ den Längsten!”
Gestern Abend sah ich in “Extra 3” diesen informativen Beitrag (Video 8 min) und glaubte, einem unfassbaren Skandal innerhalb der ARD auf die Spur zu kommen. Dann sah ich heute morgen, dass die Tagesschau darüber schon vor einem Monat berichtet hat. Die Vorgeschichte und rechtliche Grundlage ist noch älter: am 1. Januar 2020 trat der Glücksspielstaatsvertrag in Kraft, hinter dem sich nun alle Verantwortlichen verstecken. “Da bin ich nicht dabeigewesen!” Dabei waren nur die 16 deutschen Ministerpräsident*inn*en. Sie wissen schon: die, die fast nichts mehr auf die Reihe kriegen, weil sie am liebsten auch nicht dabeigewesen sein wollen.
Das Prinzip einer Mafia ist, fabulöse Extraprofite mit illegalisierten Geschäften (Drogen-, Waffen-, Menschenhandel etc.) zu machen, das verbotene Geld in Steueroasen zu verstecken, zu waschen und damit dann in die “legale” Ökonomie zu diffundieren (= besserer Schutz, niedrigere Profitrate, aber über Skaleneffekte höhere Gewinne plus gesellschaftlicher Machtzuwachs). Die Wettmafia ist darin besonders “gut” und demonstriert das jetzt offensiv in der stärksten Ökonomie der EU. Das sind wir.
Die “Extra 3”-Kolleg*inn*en haben das treffend erklärt. Sie haben ihre illegalen Geschäfte einfach für legal erklären lassen. Dafür ist in Deutschland die Ministerpräsident*inn*enkonferenz (MPK) der 16 Bundesländer zuständig. Die Ministerpräsident*inn*en haben keine Lust und Zeit sich um den Scheiss selbst zu kümmern. Das ist praktisch. Denn so ein paar subalterne Fachreferentinn*en, die so einen Vertrag vorbereitend aushandeln müssen, sind ja auch viel preisgünstiger einzuwickeln. Selbstverständlich ausschliesslich durch streng legalen Lobbyismus. Was dachten Sie denn jetzt?
Das praktische an dieser Art Föderalismus ist, dass alle, wirklich alle, sich zu erdreisten wagen, dass sie es nicht gewesen sind, sogar höchste für Kriminalitätsbekämpfung zuständige Angehörige der Täter-Landesregierungen. Alle Landesinnenminister (eine Frau von 16, = mitgemeint), die öffentlich behaupten organisierte Kriminalität (gerne auch “Clan-Kriminalität”) zu bekämpfen, müssten sich im Angesicht dieser Tat ihrer Regierung in einem Mauseloch verkriechen und für niemanden mehr erreichbar sein.
Die Sportschau-Radaktion kann sagen, dass sie es nicht gewesen ist. Sie berichtet doch sogar sporadisch über die schlimme Wettmafia. Meistens ist es einer: der zurecht bepreiste freie Journalist Benjamin Best. Die “ARD-Werbung Sales & Services” sagt, dass sie nichts dafür kann, weil sie das machen muss, um DFL-Fussball zeigen zu können. Hätte sie diese Vertragsbedingungen nicht unterschrieben, wäre die DFL woanders hingegangen. Wohin denn? Und zu welchem Preis? Wäre es nicht gerade jetzt, nach dem erfreulichen Verfassungsgerichtsurteil an der Zeit, Werbung in öffentlich-rechtlichen Medien komplett abzuschaffen? Es sind nicht 16, sondern nur 9 ARD plus 1 ZDF-Intendant*inn*en, die begreifen müssten
Die DFL wiederum sagt. Wieso? Ist doch alles streng legal (s.o. Glücksspiel-Staatsvertrag). Wirbt fleissig für die streng legale Firma des “Merkel-Beraters” Alexander Dibelius (dessen “CVC Capital” besitzt 60% an “Tipico”), und ihre Mitglieder stellen sogar Terminals des Wettanbieters auf ihren Vereinskonzerngeländen auf. Wobei natürlich allen Spielern “streng verboten” ist, darauf zu spielen.
Nicht anders die privaten Medien. Fast alle Onlineseiten der Sportmedien sind mit Wettanbietern direkt verknüpft. Die Springermedien werben sogar im redaktionellen Teil offensiv für die “guten Taten” der Mafiosi. Die CVC Capital des Herrn Dibelius dürfte mit den KKR-Herren, die jetzt im Springerkonzern sitzen, gut bekannt sein. Und den Längsten hat der Dibelius.
Angela Merkel tritt in Kürze von ihrem Staatsamt ab. Vielleicht holt sie das dann irgendwann, wenn es der “Sache” unschädlich ist, persönlich noch ein. Sie ist selbstverständlich ebenfalls an allem unschuldig und nicht dabeigewesen. Was juckt sie denn so ein Wikipedia-Eintrag? Sie kann sich doch nicht um “alles” kümmern. Ihre Mitarbeiter*innen könnten das sehr wohl, wenn sie wollten und sollten. Für den Glücksspiel-Staatsvertrag kann Frau Merkel schon mal gar nichts. Hat sie nicht gegen Ende ihrer Amtszeit noch mal der ganzen Öffentlichkeit demonstriert, wie diese Ministerpräsident*inn*en sie fast ohne Ausnahme nerven. Mit Ausnahme vielleicht von Daniel Günther (Schleswig-Holstein), ein Zwergstaats-MP, wie es einst die ebenfalls langjährige Merkel-Getreue AKK (Saarland) war. Tja, was für ein Zufall, dass ausgerechnet dieses Schleswig-Holstein Vorreiter beim Legalisieren des Glücksspiels war und ist.
Das ist die Landesregierung, der ein angehender “Super-“-Bundesminister angehörte: Robert Habeck.