mit Update 13.8. abends
Bonner Jugendhilfeverein Kleiner Muck e.V. ist jetzt gefordert – Fragen an “das System”
“Ja, ich find’ es schon erschreckend, wie ein einzelner Arzt, mit einer Auffassung, die ich nach meiner Recherche in keinem anderen Fall bestätigt gefunden habe, ein ganzes System überzeugen kann. Er konnte das Jugendamt überzeugen, er konnte das Heim überzeugen. Er konnte letztlich auch das Familiengericht überzeugen. Und niemand hat sich die Mühe gemacht, das mal wirklich zu hinterfragen. warum man so ein Beruhigungsmittel, ein Neuroleptikum, bei kleinen Kindern einsetzen kann. Und das über Jahre hinweg.”
Diese Sätze sprach in einer ARD-Doku, die der WDR demonstrativ zwei Tage später wiederholte, der Anwalt Patric Peters, der für ein Elternteil eines betroffenen Kindes mandatiert war, und vor zwei Gerichtsinstanzen verlor. Die Journalistin Nicole Rosenbach hat sich für den Film in eine Arbeit gestürzt, für die nach den Worten Peters’ “das System” zuständig gewesen wäre, das offensichtlich seine Arbeit nicht macht. Hier ihr Tagesschau-Bericht, der den Sachverhalt kompakt zusammenfasst.
Ich bin nicht vom Fach, und mag nicht persönlich über die ärztlichen Methoden des Dr. Winterhoff richten. Es ist immer besser, sich eine zweite Meinung einzuholen. Als Patient*in kommen wir um die Findung eines eigenen Urteils nicht herum. Rosenbachs Film lässt leider unbeleuchtet, aus welchem Interesse Winterhoff so handelt, wie er es tut. Es ist nicht selten, dass geschäftlich und medial einflussreiche Mediziner*innen geschäftliche Verbindungen mit Big Pharma eingehen. Wobei das in der Regel so gestaltet wird, dass es nicht immer leicht zu beweisen ist. Das zu recherchieren hätte die Dramaturgie des Filmes verkompliziert. Und weil es mit noch mehr Arbeit und noch mehr Ärger verbunden gewesen wäre, ist es wohl unterblieben.
Da ich wenigstens beruflich etwas von Öffentlichkeitsarbeit verstehe, wage ich das Urteil, dass Winterhoffs Replik auf seiner Homepage mich nicht überzeugt. Sie ist nicht wesentlich besser geraten, als die Einlassungen, die im Film – nur auszugsweise – von ihm zitiert wurden. Diese Passage am Ende seines Textes “… Seit mindestens fünf Jahren habe ich diese Untersuchungen komplett an den behandelnden Kinderarzt delegiert. Ich werde seit sehr vielen Jahren auch international für Expertenrunden, Talkshows und Printmedien als Fachmann angefragt. …” wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Sie klingen wie von einem Medienstar als beleidigter Leberwurst. Also nicht überzeugend.
Winterhoff sitzt im Vorstand des Kleinen Muck e.V., der in dem Film mehrfach (neutrale) Erwähnung findet, und auch Einrichtungen in Beuel betreibt. Den Vorsitzenden Kurt Dauben habe ich sogar als sachkundigen Bürger in Fachausschüssen des Bonner Stadtrates mal persönlich kennen gelernt. Erster Eindruck meinerseits (fachlich zuständig war eine Kollegin von mir): ein nachdenklicher, reflexionsfähiger Typ. Nach diesem Film, der sehr viele elementare Fragen aufwirft, müsste auch der Verein öffentlich Stellung nehmen, wenn er Schaden von sich abwenden will. Denn er ist zu einer beachtlichen, u.U. schwer steuerbaren Grösse herangewachsen.
Fragen an das Mediensystem
Nur mal angenommen, Filmmacherin Rosenbach habe mit ihrer Kritik ins Schwarze getroffen. Dann stellen sich die schärfsten Fragen an Redaktionen exakt der Sender, die diesen Film ausgestrahlt haben, bzw. ein Jahr in ihrer Mediathek vorhalten. Können Sie verantworten Produktionsfirmen, millionenschwer aus unserer Haushaltsabgabe bezahlt, mit Talkshows zu beauftragen, die zu faul oder zu doof sind, solche problematischen Hintergründe der von ihnen präsentierten – oder erst dazu gemachten – Stars zu recherchieren – nur um das von ihnen gewünschte Spektakel nicht zu gefährden?
Oder war Frau Rosenbachs Film das Spektakel?
Ich habe da so einen Verdacht. Extradienst-Leser*innen wissen: Roland Appel guckt Talkshows, ich nicht.
Update 13.8.: Schön, dass auch der General-Anzeiger einen Tag nach dem Erscheinen dieses Eintrags auf das Thema aufmerksam geworden ist. Ich hatte geglaubt, ich sei schon sehr langsam gewesen. Der Film von Frau Rosenbach war Montagnacht erstausgestrahlt worden, und schon lange vorher angekündigt. Ich habe erst die Wiederholung im WDR-Programm am Mittwochabend verfolgt. Jetzt macht sich überall Hektik breit, wie aus dem upgedateten GA-Bericht (danke, ohne Bezahlmauer) hervorgeht. Es erinnert mich ein bisschen an die Klima- und die Coronakrise. Erst die Augen – sehr! – lange fest verschlossen halten, und beim Augenöffnen in grenzenloses Erschrecken und demonstrative Hektik verfallen. Ist das deutsche Gesetzmässigkeit beim Verantwortung tragen?