Der erste Fehler ist diese Frage. Jugend wird als Besitz der Erwachsenen betrachtet. Kinder “gehören” ihren Eltern, wie ein Besitz. Das passte mir im ersten Moment nicht, in dem ich selbst zu denken begann. Aber wie wurde ich “verdorben”, also zu Beginn der 60er Jahre? Das waren Comichefte. Zuviel Fernsehen (damals noch schwarz-weiss). Später auch Kinofilme, die niemand selbst gesehen hatte, aber über die furchtbare Dinge in den Zeitungen standen. Schlimm selbstverständlich die Zeitschriftenregale mit all den nackten Frauen. Das ist heute natürlich alles komplett anders. Oder?
Der vielleicht berühmtes Philosoph der Antike, ein gewisser Herr Sokrates (470-399 v.Chr., nicht verwandt oder verschwägert mit einem der grössten intellektuellen Fussballer der Weltgeschichte Sócrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira 1954-2011 n.Chr.) wird so zitiert: “Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern mit dem Essen und ärgern ihre Lehrer … Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.” Das war vor knapp 2.500 Jahren. Was mag die (erwachsene) Menschheit seitdem dazugelernt haben? Das mit den “Tyrannen” gilt heute noch als “modern”.
Viele meiner Alters- und sogar meiner Gesinnungsgenoss*inn*en sind sich sicher, dass die “Jugend von heute” – selbstverständlich war bei uns früher alles “ganz anders” – von den (a)sozialen Medien verdorben wird. Ich gebe zu, dass auch ich zu denen gehöre, die die sog, “sozialen Medien” als “asozial” betrachten und bezeichnen. Allerdings bin ich überhaupt nicht der Meinung, dass sie die Jugendlichen verderben, sondern uns und unsere Gesellschaft des real existierenden Kapitalismus. Ihre Algorithmen sind exakt den Gesetzen dieses Kapitalismus konform programmiert. Und das verdirbt die soziale Situation der Erwachsenen-Gesellschaft weit mehr, als die Köpfe der weit klügeren Jugendlichen.
Belege?
Wibke Bergemann hat für das DLF-Programm “Wissenschaft im Brennpunkt” einen exzellenten Forschungsüberblick “Soziale Medien und Jugendliche – Massenexperiment mit offenem Ausgang” vorgelegt. Zentrale Erkenntnis: es gibt zwar jede Menge “Korrelationen”, aber “keine Kausalitäten”! Och, das ist aber schade! Wie soll jemand denn daraus eine Schlagzeile machen? Wer klickt sowas an?
Mir zeigt das zweierlei. Erstens: Die Probleme der undemokratischen Machtverteilung sind nicht durch Facebook u.a. entstanden, sondern sie waren schon lange vorher da. Was jetzt passiert ist “lediglich” eine Extrapolation, eine noch perversere Zuspitzung.
Zweitens: Jugendliche werden davon nicht mehr oder weniger verdorben, als wir früher. Sie sind in der Regel in der Nutzung weit kompetenter als die Älteren, und müssen die Funktionsweise jenen ständig erklären. Dass Jugendliche leiden müssen, unter Mobbing, Bodyshaming, Diskriminierung und Ausgrenzung – das ist leider wahr, aber nichts Neues. Das war auf dem Schulhof meiner “Volksschule” im Linnerott in Gladbeck schon ganz genauso, und nicht weniger brutal (es stand nur weniger in der Presse, weil es viel häufiger war als heute).
Im Unterschied zur deutschen Situation vor 60 Jahren reagieren Medien und Eltern heute weit sensibler auf die gleichgebliebenen oder sogar weit harmloseren Missstände – ein Fortschritt.
Was die Jugend tatsächlich verdirbt
Das ist die gesellschaftliche Wirklichkeit. Während Alte sich an vieles gewöhnt haben, oder wie ich sich am Genuss erlebter gesellschaftlicher Fortschritte erfreuen, sind Kinder und Jugendliche noch dabei, ihren Verstand, ihr Hirn im wörtlichen Sinne neu zu verdrahten. Zwar lesen die wenigsten z.B. diesen erregenden Text von Thomas Pany/telepolis, der, das sehen Sie doch sicher auch so, längst Bekanntes noch mal neu aufgeschrieben hat. Weil wir Älteren schon resigniert und abgestumpft sind. Von den jungen Menschen wird es fast niemand lesen. Aber die meisten wissen es sowieso schon irgendwoher. Welche Schlüsse sollen sie daraus ziehen? Sagen wir, nur mal so gegriffen, ein*e 10-jährige*r? Eine Freundin erzählte jüngst von ihrer 8-jährigen Enkelin, die sich jetzt “für Politik interessiert”. Bei mir wäre das 1965 gewesen. Da habe ich mein erstes Fahrrad bekommen, entflammte für Borussia Mönchengladbach. Und am meisten interessiert hat mich das Kuchenbuffet bei der “Kommunion” durch die Katholische Kirche. So ändern sich die Zeiten.
Nicht zum Schlechten.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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