mit Update 6.9.
Sonntagslektüre Adorno und Gysi
„Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.” Ein berühmtes Zitat von Karl Marx aus “Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte (1852)”. Daran fühlte ich mich erinnert, als ich heute in der FAZ den Briefwechsel der Herren Adorno und Enzensberger aus dem Jahr 1966 las. Ich bin meinerseits vorbelastet: der Herr Enzensberger rangiert in seinem Ansehen in meinem Innern weit unter dem Professor Adorno. Dieter Bott ist “schuld”.
Aus heutiger Sicht hat es nahezu satirisches Niveau, in welch pusseliger Sprache die Herren miteinander schrieben. Auch hatten die akademischen Herren ihre persönlichen Probleme mit den seinerzeit real existierenden politischen Basisbewegungen, unter denen zweifellos auch relevante Dosen von Sektierertum ihr Unwesen trieben. Die Überlegungen des Herrn Adorno zu seinen Plänen, das Godesberger Programm der SPD kritisch auseinander zu nehmen, haben aber leider an Aktualität kaum eingebüsst. Insbesondere die Sozis selbst sind im gegenwärtigen Wahlkampf gewiss beseelt davon, dass sich Geschichte doch wiederhole. Sie hatten Marx ja noch nie begreifen wollen.
Gysi
Gregor Gysi kandidiert bei dieser Bundestagswahl erneut im Wahlkreis 84 Berlin-Treptow/-Köpenick. Meine alte Freundin Dr. Susanne Willems hat also Gelegenheit ihm persönlich ihre Stimme zu geben. Wenn sie nicht zu streng mit ihm ist, wozu sie gelegentlich neigt. Der Mann ist jetzt 73, erreicht also zum Ende der Legislaturperiode das Lebensalter des gegenwärtigen US-Präsidenten. Gedanklich, das zeigt dieser Afghanistan-Text, ist er (oder seine Geistschreiber*innen) so fit wie eh und je. (gestern war der Text eingemauert, heute nicht; wenn er wieder eingemauert werden sollte, beschweren Sie sich bitte direkt beim Berliner Verlag) Ihm gelingt es mühelos, zwischen den Zeilen seine Kritik an der eigenen Partei/Fraktion unterzubringen. Dafür müssen Sie es allerdings genau lesen. Das empfehle ich. Den Mann würde ich auch wählen, wenn ich könnte.
Update 6.9.: der Gysi-Text ist erneut eingemauert. Wenn Sie ihn über einen bekannten globalen Suchmaschinenmonopolisten suchen, finden Sie ihn auf der zweiten Trefferseite noch in vollem Umfang zugänglich, ohne weiteren Datenzoll – ausser natürlich bei diesem Monopolisten – oder Schutzgeldforderung. Siehe Überschrift. Linke Medienpolitik.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net