Frauen und Politik: Wer sich gruseln will über die Schattenseiten der Bonner Republik, dem sei ein Film empfohlen: „Die Unbeugsamen“. Schwarz-grau die Anzüge im Plenarsaal, Herrschaften, wohin das Auge blickt. Die erste Bundesministerin wurde Elisabeth Schwarzhaupt (CDU), 1961, zwölf Jahre nach Gründung der Bundesrepublik, zuständig für das Gesundheitswesen, durchgesetzt durch ein Sit_In (sic!) der wenigen weiblichen Abgeordneten von Konrad Adenauers Partei. Männerwitze. Tätscheln.

1972 die erste Frau an herausragender Stelle – Annemarie Renger (SPD) als Bundestagspräsidentin. Aber die Grünen waren es, die den Durchbruch erzwangen und ab 1983 die Konkurrenz auf Kurs brachten. Ihr Mitglied Klaus Hecker („Busengrabscher“) hatte sein Abgeordnetenmandat niederzulegen. Waltraud Schoppes Rede zur Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe ging in die Parlamentsgeschichte ein. Vom „alltäglichen Sexismus im Parlament“ sprach sie. Grölen, Schenkelklopfen bei Union und FDP, ein letztes Mal, wie notiert wurde. In der Grünen-Fraktion wurde das „Feminat“ durchgesetzt – eine rein weibliche Fraktionsspitze. Quoten fanden Eingang in die Parteipolitik – anfangs verbunden noch mit dem abträglichen Wort von der Quotenfrau.

Vor der Bundestagswahl 1998 gab es in Helmut Kohls Kabinett zwei Ministerinnen (Angela Merkel und Claudia Nolte). Bei Gerhard Schröder wurde es besser. Noch aber blieb es dabei: Männer machten Politik.

Schnitt. Gegenwart. In der CDU kam Merkel, einst „Kohls Mädchen“ genannt. 2019 wurde Andrea Nahles zum Rücktritt vom SPD-Vorsitz genötigt – vor allem von SPD-Männern. Werden Frauen also in der politischen Auseinandersetzung härter attackiert als Männer? Der Wahlkampf belegt das nicht. Und am Rücktritt von Annegret Kramp-Karrenbauer vom CDU-Vorsitz war maßgeblich Merkel, die Bundeskanzlerin, beteiligt.

Merkels Nachfolger wird höchstwahrscheinlich ein Mann sein – Armin Laschet oder Olaf Scholz. Beide haben zugesagt, das nächste Kabinett hälftig aus Frauen und Männern zusammenzusetzen. Schon hat Scholz die SPD-Co-Vorsitzende Saskia Esken als ministrabel bezeichnet, was diese wohl auch so sieht. Ein Coup sondergleichen aber wäre es, wenn er Nahles, die früher Arbeitsministerin war, für sein Kabinett gewänne. Unvorstellbar wiederum scheint es, dass neben dem Kanzler auch die Ämter des Bundestagspräsidenten und des Bundespräsidenten von Männern besetzt bleiben.

Über den/die Autor*in: Günter Bannas (Gastautor)

Günter Bannas ist Kolumnist des Hauptstadtbriefs. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seine Beiträge im Beueler-Extradienst sind Übernahmen aus “DER HAUPTSTADTBRIEF AM SONNTAG in der Berliner Morgenpost”, mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion. © DER HAUPTSTADTBRIEF