Wer heute kritische Fragen an die einheimische Herrschaft stellt, wird schnell als Despotenversteher gebrandet. Ich bin Rentner und kann mir das leisten, in Verbindung mit Art.5 des von mir immer mehr geschätzten Grundgesetzes von 1949. Darum ist es keine Schutzbehauptung – ich habe sie gegenüber meinem demnächst 90 werdenden Vater schon mehrmals betont – wenn ich vorausschicke: Ort (Gelsenkirchen-Horst in der westdeutschen BRD) und Zeit meiner Geburt (1957), von meinen Eltern zu verantworten, waren und sind ein ganz grosses Los.

65 Jahre habe ich so die lokale (!) Abwesenheit von Krieg gelebt. Wann hat es so eine Periode “am Stück” jemals in der deutschen Geschichte gegeben? Und, im Vergleich zu anderen Weltregionen, eine phänomenale Abwesenheit elementarer Krisen, und einen vergleichsweise unermesslichen materiellen Reichtum – aus dem ich mir persönlich nichts mache, aber auch das muss mann sich ja erstmal leisten können. Wie oben schon erwähnt, liebe ich das Grundgesetz, das ebenfalls einen elementaren Unterschied zu anderen Ländern und Herrschaftssystemen markiert, in denen ich niemals leben wollte. Von der einstigen DDR, über die ehemalige UdSSR und das heutige Russland, bis zur aufstrebenden Weltmacht China, und dito den USA (herzliche Grüsse an das Beueler Ehepaar Guthrie/Kleff in NYC ;-)

Nun ist die lokale Abwesenheit von Krieg seit einigen Wochen elementar gefährdet. Die Bösen haben angefangen. Aber die Guten scheinen so von ihrem Gutsein erfüllt, das sie den klaren Blick zu verlieren drohen. Allein die Jämmerlichkeit der Linken (vergesst die Partei dieses Namens, ich meine den Begriff gesellschaftlich – umso schlimmer), verbunden mit der nicht nur bei mir körperlich aufziehenden Furcht vor weltvernichtendem Krieg, veranlasst mich zu den folgenden Hinweisen.

Zuerst das schlechte, aber fürchterlich repräsentative Beispiel: im Feuilleton der einstmals relevanten und niveauvollen FR erregt sich Feuilletonist Christian Thomas – einer von den Guten – über den von ihm als “Linken” (ist mir in diesem Fall total neu) bezeichneten ehemaligen SPD-Bürgermeister von Berlin. Das ist irrelevante Schreibtischerregung. Was aber, wenn in unserer Regierung auch so gedacht und geredet würde? Das würde mir Angst machen.

Und jetzt die Bösen.

Michael Maier/Berliner Zeitung, er schon wieder, behandelt, gründlicher als ich es irgendwoanders gesehen habe, den Standpunkt der chinesischen Regierung zum Ukrainekrieg. Ja, ich fürchte auch, dass die mit Taiwan ähnliches vorhaben, wie Putin mit der Ukraine. Aber sie haben mit ihrer Aussenpolitik eindeutig mehr politische (!) Hebel in der Hand, als die gesamte Nato zusammen, den Krieg in der Ukraine zu beenden.

Und dann auch noch Erdogan und die Oligarchen. Der UK-Korrespondent der FAZ Jochen Buchsteiner berichtet über angebliche Vermittlungsbemühungen von Roman Abramowitsch; behutsam erwähnt er fast unbemerkt auch den Namen Gerhard Schröder. Seine Quellen bestehen aus zweifelhaften, sich teilweise widersprechenden, Regierungen (Johnson!) und Geheimdiensten, sowie, was kein qualitativer Unterschied ist, aus Medien des Rupert Murdoch. Was keineswegs heisst, dass alles falsch und erfunden ist. Es ist Spindoktor*inn*en-Arbeit. Und wenn sie zur Beendigung der Kriegshandlungen führt, obwohl ich die erwähnten Personen allesamt für Arschlöcher halte – dann ist es gut und nicht böse.

Abramowitsch hatte ich sowieso immer als besonders clever in Verdacht. Er hat sich anders als sein Ex-Kumpel Beresowski, für den alles schlecht gelaufen ist, nie öffentlich gegen Putin positioniert. Getraut hat er ihm aber so wenig, wie der Londoner Finanzblase, in der er intensiv genetzwerkt hat. Und sich sicherheitshalber persönlich nach Israel verpisst. Nun ist er einer, der in alle Konfliktparteirichtungen Interessen hat, und darum noch mit allen sprechen kann, was die israelische Regierung z.B. sehr zu schätzen weiss, ohne das öffentlich zu demonstrieren. Man könnte “Genscher” zu ihm sagen. Grundsätzlich gilt: wer was zu früh durchsticht ist raus. Das lässt mich Buchsteiners Quellen misstrauen – so gut es wäre, wenn es einen Kern hat. Oder was meinen Sie: kann es ein schlimmeres Zeugnis demokratischer Diplomatie geben, wenn ein Recep T. Erdogan zum “Vermittler” aufsteigt?

Und noch ein Hinweis zum bösen China. Die Junge Welt bringt einen Vorabdruck des Autors Uwe Behrens: Abkehr vom Neokolonialismus? – Vorabdruck. Neue Seidenstraße. Der Westen wirft China vor, weniger entwickelte Länder bewusst in eine Schuldenfalle zu treiben”. Die allzu euphorische Bewertung der chinesischen Aussenpolitik durch den Autor teile ich nicht. Er trägt in dem Textauszug aber eine Menge informativer Fakten zusammen. Selbstverständlich betreibt auch China interessengeleitete Grossmachtpolitik.

Sie ist nur weiser, als die von den Guten. Und darum erfolgreicher.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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