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Berufsverbote

„Um die Integrität des Öffentlichen Dienstes sicherzustellen“, will die Ampelkoalition „dafür sorgen, dass Verfassungsfeinde schneller als bisher aus dem Dienst entfernt werden kön­nen“ (Originalzitat aus der Koalitionsvereinbarung). Damit werden Regelanfragen, Anhö­rungen und Berufsverbote vierzig Jahre nach ihrer Abschaffung wiederbelebt. Ein besorg­ter Bürger hat uns das Protokoll einer der ersten Anhörungen zugesteckt. Zuständig ist das neu geschaffene Amt für Anpassungsförderung:

Amtmann: Herr Müpfig, Sie wissen, worum es geht. Wir haben Ihre Eignung zur Wahr­nehmung öffentlicher Versorgungsleistungen festzustellen. Mir liegt hier Ihre Bewerbung für die städtische Abfallentsorgung vor. Warum wollen Sie denn in den städtischen Dienst?

Müpfig: Da bekomme ich mehr Geld und mehr Urlaub als bei meinem privaten Entsorger. Und meine Frau meint, dass ein Job bei der Stadt einen guten Eindruck macht.

Amtmann: Uns liegen aber Erkenntnisse vor, wonach Sie für den Öffentlichen Dienst nicht geeignet sind. So haben Sie kürzlich bei einer Verkehrskontrolle einen Ausweis der Reichsbürger bei sich geführt.

Müpfig: Das stimmt nicht! Mit denen habe ich nichts zu tun. Das war der Mitgliedsaus­weis meines Kleingartenvereins, und der heißt Kolonie Himmelreich.

Amtmann: Das ist aber ein seltsamer Name für eine Gartenkolonie. Ist Ihnen das noch nie aufgefallen? Sie sind auch noch in einem anderen verdächtigen Verein, einem Hundesportverein namens „Schnüffel“.

Müpfig: Was soll diese Bemerkung ?

Amtmann: Wir möchten Ihnen verdeutlichen, was wir alles über sie wissen. Zum Beispiel liegen mir auch die Flugblätter vor, die Sie unterschrieben und verteilt haben. Für den Austritt Deutschlands aus der NATO und gegen Rüstungsexporte. Damit vertreten Sie extreme Positionen.

Müpfig: Die Flugblätter sind aus den Neunziger Jahren. Das ist doch lange her.

Amtmann: Sie müssen mit der Zeit gehen. Offenbar fehlt Ihnen ein Mindestmaß an An­passungsfähigkeit. Zeigen Sie mir mal bitte Ihren Impfausweis.

Müpfig: Den habe ich nicht bei mir. Das ist doch nicht mehr erforderlich.

Amtmann: Mit dem Impfnachweis dokumentieren Sie Ihre Übereinstimmung mit der Coro­napolitik der Bundesregierung. Wer seinen Ausweis nicht bei sich trägt, weckt Zweifel an seiner Loyalität zum Staat. Welche Partei haben Sie eigentlich beim letzten Mal gewählt?

Müpfig: Das ist doch geheim. Warum fragen Sie das?

Amtmann: Nur aus Pflichtbewusstsein. Weil wir hierzu noch keinerlei Daten haben. Wie sieht es denn mit Ihrem Verhältnis und ihren Kontakten zu Ausländern aus?

Müpfig: Ich wohne in Aachen, da lernt man viele Belgier und Holländer kennen.

Amtmann: Die zählen hier nicht. Und was halten Sie von ausländischer Musik?

Müpfig: Ich liebe Schlager, deutsche Schlager zum Mitsingen.

Amtmann: Das habe ich mir gedacht. Ihr Verhalten bewegt sich offenbar zwischen Frem­denfeindlichkeit und Rassismus. Sie sind ja auch vorbestraft.

Müpfig: Wie bitte? Das war doch nur wegen einer Schwarzfahrt mit der Straßenbahn.

Amtmann: Das hört sich nach leichtfertiger Missachtung von Gesetzen an. Dazu passen dann auch die De­monstrationen, an denen Sie teilgenommen haben. War das im Sinne ei­ner friedlichen Ge­sellschaftsordnung?

Müpfig: Wir haben für Radwege in der Innenstadt und für ein städtisches Jugendzentrum demonstriert. Das war genehmigt, auch wenn es nicht allen passte.

Amtmann: Und Ihr Sohn? Der hat doch an Baumbesetzungen teilgenommen! Ihre Toch­ter macht bei den Ostermärschen mit. Die Neigung zur Gewaltbereitschaft scheint bei Ih­nen in der Familie zu liegen.

Müpfig: Woher wissen Sie das eigentlich alles? Wird meine Familie bespitzelt?

Amtmann: Hier wird niemand bespitzelt. Wir sammeln lediglich Daten, die uns irgendwie auffällig vorkommen oder die uns irgendein Amt schickt. Das tun wir nur aus Fürsorge. Aus Fürsorge für Sie und für unseren Staat.

Über den/die Autor*in: Heiner Jüttner (Gastautor)

Der Autor war war 1984 bis 1991 Ratsmitglied der Grünen in Aachen, 1991-98 Beigeordneter der Stadt Aachen. 1999–2007 kaufmännischer Geschäftsführer der Wassergewinnungs- und -aufbereitungsgesellschaft Nordeifel, die die Stadt Aachen und den Kreis Aachen mit Trinkwasser beliefert.

2 Kommentare

  1. Helmut Lorscheid

    Heiner Jüttner, das hast Du fein gemacht. Gefällt mir.

  2. André Dahlmeyer

    Sehr gut!

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