Wenn Sie sich über deutsche Zeitungsprodukte und TV-Trashshows zu informieren versuchen, haben Sie mein ehrliches Mitgefühl. Michael Lüders/Freitag kommentiert treffend, wie abgehängt die hierzulande organisierten Diskurse von der eigentlichen “Musik” agieren. In meiner Fantasie sitzen Joe Biden, Xi Jinping zusammen, Wladimir Putin am Kindertisch, und amüsieren sich zusammen über die doofen Europäer*innen. Doch Sie und ich müssen nicht dumm sterben.

Die Junge Welt leistet sich mit Reinhard Lauterbach einen Osteuropa-Korrespondenten, der sich für mehrere Seiten der Kriegsparteien und ihrer Strippenzieher (Frauen dabei? wenn, dann nur wenige) interessiert.

Hungerkrise

Und dann ist da noch dieses Hungerproblem. Für die meisten deutschen Medien hat es nur insofern Relevanz, als sich darüber (ein weiteres Mal) zeigen lässt, wer schuld ist. Vermutlich haben sie die Absicht, das mit der Klimakrise genauso zu halten.

Uwe Kerkow/Mediawatch, Kollege drüben am falschen Rheinufer in der Nordstadt, versucht es etwas genauer. Schon wieder denke ich, ihn eben noch bei telepolis gelesen zu haben, und jetzt ist der Text da weg; ich bin halt schon 65. Egal, wo es steht: es sind sachdienliche Hinweise.

Ladislaus Ludescher/carta beklagt völlig zutreffend: »Das größte lösbare Problem der Welt«, für das sich niemand interessiert – Die großen Qualitätsmedien vernachlässigen den Globalen Süden in ihrer Berichterstattung – und zwar massiv und dauerhaft. Beinahe vollständig ignoriert wird die bereits im Gang befindliche globale Hungerkatastrophe, von der bereits heute rund 800 Millionen Menschen betroffen sind und die aufgrund des russischen Angriffs auf die Ukraine weiter zu eskalieren droht. Dabei wäre das Problem relativ einfach zu lösen.”

Er brachte in mir folgende Gedankenkette ingang. “Niemand” ist definitiv Unsinn – sonst hätte der Autor keinen Blog gefunden, der seinen Text bringt. Er ist nicht “niemand”, und ich auch nicht. Davon abgesehen erforschte ich mich, warum dieses Anteasern seines Textes mich nicht wirklich juckte. Es ist die – lebenslange – Gewohnheit. “Die hungernden Kinder in Indien” kannte ich nicht nur aus dem Messdienerunterricht, sondern auch immer dann wiederkehrend am heimischen Esstisch, wenn ich schon satt, und der Teller noch voll war. Der Weltspiegel vor oder nach der Sonntags-Sportschau war ebenfalls schon zu Zeiten des Schwarzweiss-Fernsehens voll davon (damals sogar mehr, als heute). Das war vor mehr als 50 Jahren.

Und siehe da, manches ändert sich nie, bzw. nicht. Warum nicht? Es muss wohl am System liegen. An dem Wirtschaftssystem des real existierenden Kapitalismus, dass es immer noch massenhaft verbreitete Hungersnot gibt. Und am real existierenden Medienkapitalismus, dass das immer noch “keine*n” juckt, jedenfalls weder Auflage, noch Einschaltquote noch Klickzahlen bringt.

Mit Spannung erwartet die Branche einen Bericht der Bundesministerin für Kultur und Medien zur Lage des Journalismus in den real existierenden Medien, der für diesen Sommer angekündigt ist. Er muss Antworten suchen auf die Tatsache, dass sowohl der lokale als auch der Auslands-Journalismus vom heutigen Dualismus aus Konzern- und öffentlich-rechtlichen Medien ausgehungert wird.

Wir werden dümmer, obwohl die realen Probleme das Gegenteil erfordern: Weltzugewandtheit, Interesse für alle Weltregionen, und zwar besonders die abgehängten und von der Klimakrise schon verwüsteten. Dass Deutschlands Diskurslautsprecher*inne*n dazu nur noch die Bundeswehr einfällt, illustriert das ganze Ausmass des Problems.

Die auf den Gummibooten im Mittelmeer bringen weit mehr Intelligenz auf die Waage.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net