Schlafstörungen sind die Falle für Selbstoptimierer*innen

Gestern nachmittag kritisierte ein New Yorker Leser nach seinem frühmorgendlichen E-Mail-Check, ob ich denn “auch mal gute Nachrichten” hätte. Bitte schön: hier ist sie. Ich hole, weil es so schön ist, dafür etwas aus. Lesen Sie vielleicht vorweg meinen Hinweis aus dem April auf die chinesische Widerstandshandlung “Tang Ping – 躺平”, zu deutsch: sich flach hinlegen. Zweifellos keine notwendige Bedingung fürs Schlafen – viele tun es im Sitzen, wenige sogar im Stehen – aber eine für gute Schlafqualität.

Der Kapitalismus hat rundherum eine eigene Branche kreiert: teure Betten und Bettwäsche, noch teurere Coaches, massenhaft Schlaflabore etc. etc. Als Konsumtyp ist jede’ Jeck anders – wie beim Essen. Tun Sie das, was für Ihr Wohlbefinden richtig ist. Meine Matratze ist vom Discounter, meine Bettdecken, eine für den Winter, eine für den Sommer, sind schon über 20 Jahre alt, mein Kissen habe ich inkl. Beratung im Fachhandel beschafft. Aber das ist kein Rezept für andere. Ich schlafe bei offenem Fenster für gute Atemluft. Hell oder dunkel ist bei mir egal, nur pralle Sonne ist schlecht. Auch das ist bei jede’ Jeck anders. Machen Sie, wie Sie wollen.

Meine Praxis hat für mich aktuell folgende Vorteile. Wenn morgens die Vögel ihre Arbeit aufnehmen, werde ich nicht selten geweckt. Das sind gegenwärtig die kühlsten Tagesstunden. Gelegenheit, in der Wohnung alle Fenster auf Durchzug zu stellen. Ihre Schliessung und Abdunkelung am frühen Mittag ermöglicht auch in Hitzesommern menschenfreundliche Innentemperaturen, ganz ohne klimafeindliche Klimaanlage. Nachteil: nächtliche Gewitter wecken mich, aber immer erst nach der Tiefschlafphase (= die ersten 2-3 Stunden nach dem Einschlafen). Mir bereitet zu meinem Glück das Umdrehen und Weiterschlafen – meistens – kein Problem.

Wenn doch, verursachen mir die kreisenden Gedanken beim Wachliegen keine Qual. Ich habe festgestellt, dass mein Denken in dieser Situation viel kreativer ist als im Alltag. Ich könnte ganze Bücher schreiben und bekämpfe in dem Moment den Drang aufzustehen und mit dem Schreiben zu beginnen. Irgendwann übernimmt dann mein Körper die Macht und leitet in Träume über.

Diese Träume sind keine Alpträume, sondern im besten Sinne ungeordnetes Leben. In Wirklichkeit passiert laut Schlafwissenschaft das Umgekehrte: das Gehirn ordnet und verarbeitet das real Erlebte. In meinen Träumen funktioniert immer irgendein Detail nicht, an dem ich mich abarbeite – bis zum Aufwachen. Ich weiss, dass ich träume. Wenn es mal zu auswegloser Panik kommen sollte – ich weiss im Traum, dass ich es kann, und wende es an – fliege ich weg.

Das Umdrehen und Weiterschlafen hat übrigens, seit ich das aktive Berufsleben beendet habe, immer in der Zeit etwas beglückend-rauschhaftes, zu der ich früher aufstehen musste. Es fühlt sich an wie eine zutiefst befriedigende Rache am Kapitalismus und seinen Zurichtungen des Individuums. Dieses Gefühl wird auch im untenstehenden Audio-Tipp beschrieben. Viele, die meisten, geniessen es nicht, sondern stehen noch als Rentner*in im Morgengrauen auf, wie zuvor im Arbeitsleben. Da habe ich es besser.

Genug der individuellen Vorrede. Wie komm ich drauf?.

Gestern Abend gab es im DLF dieses wunderbare Feature von Pia Rauschenberger (ein passender schöner Name zum Thema): “Warum ich nicht schlafen kann und was das mit der Gesellschaft zu tun hat – Bin noch wach, du auch? – Einfach einschlafen, ohne darüber nachzudenken. Schön wär’s. Wenn der Schlaf uns überkommt, wie mit einem fliegenden Teppich losfliegen und erst nach acht Stunden wieder landen. Ein Traum für den Körper und die Seele – der vielen Menschen vorenthalten bleibt. Vor allem Frauen.” (Audio 55 min)

躺平 und anhören. Gerne auch vor dem Einschlafen.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net