2004 verstarb Günter Gaus. Wenn so einer weg ist, bemerkt mann erst, wie wertvoll er war. 1990-2004 war er Mitherausgeber des Freitag, der heute Jakob Augstein gehört. Das bedeutendste journalistische Werk, das Gaus hinterlassen hat, waren seine TV-Gespräche mit zahlreichen seiner prominentesten und interessantesten Zeitgenoss*inn*en. 32 von ihnen hat das ZDF nun in seine Mediathek gestellt.

Mit recht macht die Onlinepräsentation mit Hannah Arendt auf. Das war legendär. Es ist noch heute ein Ereignis. Bedauerlich dagegen ist, wie viel von Gaus’ späterem Schaffen fehlt. Er war nämlich mit seinen TV-Gesprächen durch diverseste TV-Kanäle gewandert, u.a. beim RBB und sogar im Privat-TV unter dem Dach von Alexander Kluges dctp.

Ich erinnere mich, wie Gaus als erster überhaupt den langjährigen CDU-Demagogen Heiner Geißler auseinandernahm. Schockierend sein Gespräch mit dem Ex-Jungdemokraten und Ex-Terroristen Christian Klar. In der Erinnerung verschwimmt völlig, auf welchem Sender das lief – die Personen brennen sich ein. Könnte die Liste unter dem letzten Link nicht wenigstens mal in Gaus’ Wikipedia-Eintrag eingepflegt werden? Und wenn ich zu sagen hätte, würden alle gegenwärtigen TV-Talkshowmoderator*inn*en so lange eingesperrt, bis sie alle diese Folgen geguckt haben.

Während die heute von ihrem umfangreichen Redaktionsstab Kärtchen mit Themen und Fragen geschrieben bekommen, bereitete Gaus sich höchstpersönlich vor, in der Regel mit einem Stapel selbstgeschriebenem Papier auf dem Schoss, und vor allem: wachen Augen, wachem Verstand und echtem Interesse an dem Menschen, der ihm gegenüber sass. Bitte geben Sie mir Bescheid, wenn so ein Phänomen heute noch irgendwo auftritt. Talkshow-Gäste werden nach zugedachten Rollen besetzt. Wenn sie die spielen, hat für die produzierenden Redaktionen alles funktioniert. Und wir Zuschauer*innen sind genauso doof wie zuvor.

Es läge nahe, dass sich alle Sender zu einer Gaus-Mediathek zusammentun. Das hätte der Mann verdient. Und wir als Publikum auch.

PS: Gerhard Löwenthal in die CDF-Mediathekredaktion strafversetzt?

Sein Geist jedenfalls. Oder ist es eine Guerilla-Aktion der ins Sommerloch versenkten heute-show? Herbert Wehner ein “linker Strippenzieher”? Das wissen die Sozis, die ihn noch erlebt haben, aber besser. Von denen ist also keine*r mehr im “CDF”. Wehner selbst würde sich kaputtlachen, hat er doch 1974 Willy Brandt noch persönlich gestürzt (“Der Herr badet gerne lau.”). “Die Milch wird sauer, das Bier wird schal, im Fernsehn ist der Löwenthal.”

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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