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Atomideologie – Nein Danke!

Medien und Lobbyverbände haben ein völlig absurdes Thema wiederentdeckt. Sie wollen die Atomkraft reanimieren. Sie verbreiten Blödsinn. Zum Beispiel “Nuklearia” – eine Schein-Bürgerinitiative, die Jugendliche indoktriniert, die Risiken von Atomenergie verharmlost, als “günstig” bezeichnet und behauptet, sie sei klimaneutral. Alles Unsinn. Die für Atomkraftwerke aufgewendeten Milliardeninvestitionen stammen weltweit aus den Staatssäkeln – in Ost und West. Zur Atomenergie ist kurz und schmerzhaft folgendes festzustellen:

  1. Atomenergie kann niemals völlig sicher sein. Alle wissenschaftlichen Szenarien von Anbeginn des Atomkraftwerksbaus haben behauptet, dass ein GAU (Größter anzunehmender Unfall) nur alle 10-20.000 Jahre aufträte. Die GAUs in Three Mile Island (1977), Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011) liegen also 30-60.000 Jahre auseinander? Die entsprechende Statistik kann Wahrscheinlichkeiten errechnen, aber nicht, wann sie wirklich eintreten.
  2. Es gibt kein sicheres Endlager. Die Atomenergie befindet sich nach wie vor im Zustand eines riesigen Flugzeugs, das gestartet wurde und fliegt, ohne, dass es irgendwo auf dem Planeten eine geeignete Landebahn gibt. Die angeblich sicheren, finnischen Endlager sind Felskavernen unter den AKW – willkürlich und nach dem Prinzip Hoffnung geschaffen. Wer glaubt, Menschen, die sich ohnehin momentan anschicken, das Klima des Planeten in Jahrzehnten zu ruinieren, könnten Lagerstätten schaffen, die über hunderttausende von Jahren sicher sind, handelt verantwortungslos.
  3. Atomkraftwerke erfordern  nicht während der Laufzeit, aber im Bau, bei der Einrichtung der Technik, in der Wartung,  bei der Beschaffung von radioaktivem Brennstoff, seiner vorherigen Aufbereitung und Anreicherung, dem Bau dieser Hochsicherheitsanlagen, beim Transport mit Castoren, bei der Zwischen- und Endlagerung Millionen Tonnen von CO2. Dasselbe gilt für die Immissionen bei der Beton-, Aluminium-, Stahl- und Abschirmungsmaterialgewinnung.  AKW-Befürworter vermeiden diese Gesamtbetrachtung, die zur ökologischen Bewertung unverzichtbar ist. Den reinen Betrieb als CO2-neutral herauszurechnen ist eine typische Milchmännchenrechnung.
  4. Atomkraftwerke produzieren nicht nur Atommüll, sondern sie erfordern auch umfangreiche Überwachungsmaßnahmen, Sicherheitsüberprüfungen und polizeiliche Einsätze, die in Bürgerrechte und z.B. die Demonstrationsfreiheit eingreifen, und damit unsere freiheitliche Rechtsordnung gefährden. Der Atomstaat überwacht nicht nur Mitarbeiter, Zulieferer, Spediteure, Besucher. Auch Proteste, unbeteiligte Zivilpersonen und Mitarbeiter*innen der AKW und ihre Familien. Der notwendige Schutz der hochgefährlichen Technologie  hat auch in vielen Fällen zur Kriminalisierung von demokratischem Widerstand gegen Betrieb, Transport und Lagerung von Atommüll geführt.
  5. Atomkraftwerke sind Ziel von Kriegswaffen und Terroranschlägen. Ein von Raketen angegriffenes Atomkraftwerk wie das französische AKW Cattenom kann wesentliche Teile von Mitteleuropa verseuchen, ebenso ein AKW, das durch einen Terroranschlag z.B. mittels eines Verkehrsflugzeugs getroffen wird. Die Betonmäntel sämtlicher AKW in Mitteleuropa halten nicht dem Einschlag von mittelgroßen Flugzeugen stand. Weite Teile Mitteleuropas würden so unbewohnbar. Die Sicherheitslage um den havarierten Reaktor in Tschernobyl ist aufgrund des Überfalls Russlands auf die Ukraine unklar.
  6. Atomkraftwerke brauchen Tage und Monate, um herauf- oder heruntergefahren zu werden. Sie liefern deshalb nur Strom im sogenannten “Grundlastbereich”. Was durch den Ukrainekrieg aber fehlt, ist Erdgas, ist Wärme und Strom im Spitzenlastbereich, d.h. wenn kurzfristige Schwankungen im Netz auftreten, weil die Sonne nicht scheint oder Windstille herrscht und Speicher leer sind. Dann werden Gaskraftwerke innerhalb von Minuten angefahren. Das können aber AKW gar nicht leisten, dafür sind sie untauglich.
  7. Was Deutschland im kommenden Herbst und Winter droht, ist keine Stromknappheit, sondern eine Wärmeknappheit durch fehlendes Gas.  Es geht nicht um die etwaigen Stromlücken durch den Ausfall von Gaskraftwerken. Wenn das Gas ausbleibt, werden auch hunderte hoch effizienter Blockheizkraftwerke (BHKW), die mit 94-96% Wirkungsgrad in vielen mittelständischen Unternehmen oder Krankenhäusern Wärme erzeugen und Strom aus Erdgas machen, stillgelegt. Deren Heizleistung kann nicht mit Strom kompensiert werden – schon gar nicht aus AKW.
  8. Von 54 französischen Atomkraftwerken liegen derzeit 29 still, weil die Flüsse, deren Kühlwasser für den Betrieb unverzichtbar ist, nicht ausreichend Wasser führen. Eine Folge der Erderwärmung und der mangelnden Gletscherbildung im Winter, wo diese Flüsse entspringen. Laufen diese AKW wieder, wird durch deren Betrieb in nicht unwesentlichem Maße das Flusswasser örtlich aufgeheizt und trägt damit zur regionalen Erderwärmung und Verringerung der Artenvielfalt in den Flüssen bei.
  9. Die Aufarbeitung und Aufbereitung von Atommüll hat an der französischen Atlantikküste rund um die Atomanlage in La Hague zu umfangreichen Verseuchungen der Umwelt und des Wassers geführt. Dasselbe gilt für Sellafield in Großbritannien. Weltweit besteht ein signifikant erhöhtes Risiko für Krebserkrankungen im Nahbereich aller Atomanlagen.
  10. Durch Uranabbau, dessen Vorräte weltweit begrenzt sind und die in großem Umfang aus Russland kommen – die in Großbritannien entwickelten “kleinen” Atomkraftwerke laufen ausschließlich mit brennbarem Material aus Russland – begibt sich der Westen in eine weitere Abhängigkeit von Russland. Darüber hinaus wird Uran im Westen an vielen Orten gewonnen, wo die örtliche Bevölkerung erhöhten Strahlenschäden ausgesetzt ist, aber unzureichende medizinische Versorgung besteht.
  11. Sämtlicher deutscher Atommüll liegt derzeit in Zwischenlagern, ein Endlager ist “in Prüfung” und steht mindestens die nächsten 30 Jahre nicht zur Verfügung. Die Standorte der Zwischenlager müssen dauerhaft bewacht werden und bieten wie AKW Ziele für Raketenangriffe im Kriegs- und Terrorimusfall. Sollte ein Endlager in Betrieb gehen, werden umfangreiche Castortransporte notwendig.
  12. Auch der Rückbau von AKW verschlingt nicht nur Milliardensummen, von deren Gesamthöhe sich die deutsche Kraftwerkswirtschaft im Atomkompromiss freigekauft hat. Die verstrahlten Beton- und Schrottteile müssen ebenso wie der radioaktive Müll sicher endgelagert werden. Die Entsorgung der AKW erzeugt wiederum riesige Mengen von CO2, die in der Berechnung des angeblich “klimaneutralen” Atomstroms unter den Tisch fallen. Die finnischen Grünen, die AKW aus Klimagründen befürworten, können offensichtlich nicht rechnen.
  13. Atomkraftwerke sind unökonomisch. Kein Betreiber würde ohne staatliche Subventionen oder staatliche Mittel ein AKW bauen. Die angeblich überall auf der Welt neu entstehenden AKW verzögern sich um Jahre und Jahrzehnte. Das finnische AKW-Projekt mit Russland, an dem Rosatom mit 1/3 beteiligt war, wurde am 1.5.2022 eingestellt. Wegen Olkiluoto 3, dem ersten neuen AKW in der EU seit Tschernobyl, zerbrachen gleich mehrere finnische Regierungen. Der Reaktor, der im Dezember 2021 ans Netz ging, wurde 2002 beschlossen und 13 Jahre später als geplant in Betrieb genommen.  Das französische AKW Flamanville Block III ist das Paradebeispiel für die Unrentabilität von Atomkraft. Das 2004 geplante und 2007 begonnene AKW sollte 3,3 Mrd. € kosten und 2012 fertiggestellt werden. Das bis heute nicht fertiggestellte AKW hat bisher 12,7 Mrd. € gekostet, ohne dass Zinskosten berücksichtigt wurden, die nach einem Bericht die Gesamtgestehungskosten auf 19,1 Mrd. € erhöhen sollen. Die Inbetriebnahme ist nun für 2023 geplant.
  14. Die aktuelle Diskussion ist von Unwissen geprägt: Auch der Weiterbetrieb von AKW bedarf einer langfristigen Planung mit etwa 2 Jahren Vorlauf. Die Ende 2022 vom Netz gehenden Reaktoren können nicht “einfach mal ein, zwei Jahre länger laufen”, weil weder Brennmaterial bestellt wurde, das aufwändig hergestellt werden muss, noch Wartungszyklen und Überholungen für einen längeren, sicheren Betrieb vorgesehen und eingehalten wurden. Fällige Generalinspektionen, die 2021 hätten stattfinden müssen und die wegen der geplanten Stilllegung nicht mehr durchgeführt wurden, können nicht “einfach mal schnell” nachgeholt werden. Keine Versicherung ist bereit, ein AKW ohne die notwendigen Wartungen und Zertifikate zu versichern. Und keine Regierung, die bei Verstand ist, kann trotzdem das Risiko eingehen.
  15. Die Energiekonzerne und AKW-Betreiber RWE und Eon haben ihre gesamten internen Prozesse und Organisationen einschließlich der Personalplanung auf das Ausstiegsdatum 2022 eingerichtet. Sie lehnen von sich aus eine Verlängerung der Laufzeiten ab. Es ist absurd, dass sich der Verband der AKW-Betreiber anmasst, das Gegenteil zu vertreten. Der Vorwurf der Einseitigkeit und fehlender Ergebnisoffenheit kann deshalb nicht den grünen Wirtschaftsminister und die Umweltministerin treffen, sondern fällt auf die ideologisch verblendeten Anhänger der Atomkraft zurück.

Über den/die Autor*in: Roland Appel

Roland Appel ist Publizist und Unternehmensberater, Datenschutzbeauftragter für mittelständische Unternehmen und tätig in Forschungsprojekten. Er war stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und Bundesvorsitzender des Liberalen Hochschulverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP bis 1982. Ab 1983 innen- und rechtspolitscher Mitarbeiter der Grünen im Bundestag. Von 1990-2000 Landtagsabgeordneter der Grünen NRW, ab 1995 deren Fraktionsvorsitzender. Seit 2019 ist er Vorsitzender der Radikaldemokratischen Stiftung, dem Netzwerk ehemaliger Jungdemokrat*innen/Junge Linke. Er arbeitet und lebt im Rheinland. Mehr über den Autor.... Sie können dem Autor auch im #Fediverse folgen unter: @rolandappel@extradienst.net

2 Kommentare

  1. Heiner Jüttner

    Einige Argumente passen nicht zur aktuellen Diskussion. Es geht derzeit nicht um den Bau neuer Atomkraftwerke, sondern um die Frage, ob vorhandene und funktionsfähige Atomkraftwerke noch etwas länger laufen sollen. Man könnte damit die Stromerzeugung durch Gaskraftwerke entlasten.

    • Roland Appel

      Darauf gibt Punkt 14. erschöpfend Antwort, lieber Heiner.

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