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Der Schily-Katalog

Otto Schily erscheint als Verkörperung einer Ära, die mit der Gründung der Grünen 1980 begann und mit dem Ende der rot-grünen Kanzlerschaft Gerhard Schröders 2005 ihren Abschluss fand. Sein beruflicher Weg, seine Rolle bei der Parteiwerdung der Grünen, sein Übertritt in die SPD und schließlich seine Arbeit als Bundesinnenminister waren nicht bloß übliche Wegmarken eines Politikers. Bis hinein ins Episodenhafte spiegelten sie – in all seinen Wandlungen – Trends, Brüche und Umbrüche deutscher Zeitgeschichte wider.

Schon seine Herkunft aus wohlhabender, kulturaffiner Familie war eine Provokation – für das „bürgerliche Lager“, dem er entstammte und das ihn als Abtrünnigen empfand, wie auch für das links-grün-alternative Milieu, das ihm stets fremd blieb. Schily – geboren in Bochum, anthroposophisch erzogen – wurde Rechtsanwalt in Berlin, zunächst für Erbschaftsangelegenheiten. Er freundete sich mit Rudi Dutschke an, ohne den pseudo-revolutionären Impetus der opponierenden Studentenschaft zu übernehmen. Er verteidigte Gudrun Ensslin und andere aus dem terroristischen RAF-Bereich – mit bis ins Stimmliche hineingehendem schneidenden Auftreten – ohne aber sich mit ihm gemeinzumachen. An der Parteigründung der Grünen war er beteiligt. In Berlin kämpfte er gegen kommunistische Splittergruppen, auf Bundesebene gegen nationalkonservative Strömungen.

1983 kamen die Grünen in den Bundestag. Der dominant-autoritär agierende Schily hatte zu akzeptieren, dass neben ihm zwei Frauen, Petra Kelly und Marieluise Beck, als gleichberechtigte Vorsitzende amtierten. Sein Gegner war der fundamentalistisch-ökosozialistische Flügel in Fraktion und Partei. Im Zusammenwirken mit Joschka Fischer arbeitete er an einem Bündnis mit der SPD. Im Bonner Szenelokal „Provinz“ schrieben Schröder, Fischer und Schily auf einen Bierdeckel, wer in einer rot-grünen Regierung welches Amt erhalten sollte: Kanzler, Außenminister, Innenminister. Doch in der Grünen-Fraktion stand Schily auf verlorenem Posten. Als statt seiner der Ökosozialist Thomas Ebermann Fraktionschef wurde, hatte Schily genug. 1989 verließ er die Grünen und wechselte zur SPD. Die Prognose „Wenn Otto geht, geht er nicht allein“ allerdings bewahrheitete sich nicht. Im Gegenteil: Wenig später traten auch die führenden Linken aus. Die „Realos“ hatten die Mehrheit. In der SPD-Fraktion wurde Schily 1990 stellvertretender Vorsitzender – zuständig für Innenpolitik.

1998 wurde er Bundesinnenminister. Der ehemalige RAF-Anwalt und vormalige liberale Grüne war nach den Anschlägen vom September 2001 in Sachen innere Sicherheit ein „harter Hund“. Sein Maßnahmenpaket zur Terrorbekämpfung wurde „Otto-Katalog“ genannt. „Schily deckt mir den rechten Flügel ab“, so Schröder damals. Mit der Großen Koalition unter Angela Merkel schied Schily 2005 aus dem Kabinett aus. Er widmete sich seinem besonderen Interesse – der Außenpolitik. 2009 verzichtete er auf eine Kandidatur für den Bundestag, dessen Alterspräsident er 2002 und 2005 gewesen war. Am nächsten Mittwoch wird er 90 Jahre alt. „Gegen den Strom“ – das scheint immer noch Schilys Maxime zu sein.

Über den/die Autor*in: Günter Bannas (Gastautor)

Günter Bannas ist Kolumnist des Hauptstadtbriefs. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seine Beiträge sind Übernahmen aus "Der Hauptstadtbrief", mit freundlicher Genehmigung.

Ein Kommentar

  1. Heiner Jüttner

    Meiner Erinnerung nach ist Schily damals bei den Grünen ausgetreten, weil er (in NRW) nicht wieder für den Bundestag aufgestellt wurde. Dies entsprache damals den Grünen Rotationsgrundsätzen.

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